Hameln, 04.10.2026: Günter Bialkowski schreibt…
Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn die These stimmt, dass in unserer kapitalistischen Welt fast jedes Bedürfnis irgendwann professionalisiert wird, dann sollten wir uns einmal dezidiert dem Phänomen Einsamkeit nähern. Wer möchte kann sich bei de.statista.com über "Einsamkeit in Deutschland" oder über viele andere Quellen informieren. Mir geht es heute nicht um die Ursachen, die dürften inzwischen bekannt sein: Kommerzialisierung, Individualisierung, Single-Dasein, Abschottung, Homeoffice, digitale Kommunikation KI um nur einige zu nennen.
Wie Forschungen heraus gefunden haben, sind heute sowohl alte Menschen als auch Jugendliche, konkret ganze Gesellschaften von Einsamkeit betroffen. Da ich inzwischen zur älteren Generation zähle und aus meiner Tätigkeit in der stationären Altenpflege viele Fassetten der Einsamkeit kenne, habe ich zum genannten Thema große Fragen an unsere Regierung in Berlin, an unsere Stadträte / Stadtparlamente, und auch an unsere Zeitungen und Presse. Denn jeder Mensch kann von Depressionen und Einsamkeitsgefühlen befallen werden. Beide sind eng miteinander verbunden, verstärken sich häufig und können so zur chronischen Einsamkeit mit allen ihren Leiden führen. Gewiss - viel ist schon geschehen, unzählige Berater, ja eine riesige Branche kümmert sich. Aber reicht das? Abgesehen davon, das hier viele Kosten / Therapien für den Einzelnen privatisiert sind, scheinen diese Bemühungen nur einen Bruchteil der Menschen zu erreichen. Einsamkeit vermehrt sich fast schon sprunghaft mit jeder neuen Technologie und jeder neuen KI-Umdrehung. Dieses Problem wirft eine ethische Frage auf, die mit den herkömmlichen Mitteln und Psychopharmaka nicht gelöst werden kann.
Andererseits ist der Markt hier schon sehr aktiv. Kann es sein, dass unsere Fortschritts-Gläubigkeit unsere Regierungen, unsere Parteien, Politiker, Presse lähmen und sie hier hier nur noch auf den Markt setzen? Dann würden sie ja alle dem Kapitalismus den roten Teppich ausrollen. Nein - ich will es nicht glauben, aber Fakt ist, dass der Freie Markt schon länger ein Geschäftsmodell "Professionelles Kuscheln" für einsame Menschen anbietet. Und natürlich übernehmen weder die gesetzlichen noch die privaten Krankenkassen für eine Kuschel-Therapie die Kosten. Drehen wir uns hier im Kreis? Und kann das überhaupt die Antwort auf dieses Problem sein?
Unabhängig davon, ob der Markt hier ein optimales Angebot für schwer-einsame Menschen anbietet, muss einfach mehr getan werden. Die Tageszeitungen müssen aktiv für ein aktuelles Problembewusstsein eintreten und die Politik muss handeln. Es darf nicht sein, nur weil hinter depressiven und einsamen Menschen (auch und besonders im Alter) keine Lobby steht, dass hier so getan wird, als ob es dieses wachsende Problem nicht gäbe. Unsere modernen Lebens- und Arbeitsbedingungen heute fordern von jedem Einzelnen einen hohen Preis, dem sich kaum jemand entziehen kann. Wir sind mit unserer ganzen Biologie einbezogen. Deshalb sollte auch das Kollektiv, die Gesamtgesellschaft für diese Erkrankung mehr tun, konkret mehr Mittel bereitstellen und adäquate Therapien und Hilfen anbieten.
Günter Bialkowski
herral, 04.10.2026