Hameln, 09.08.2026: Im Botenbrief Nr. 28-2026 hatte ich einen Hinweis auf einen Zeitungsartikel in der Hamelner Tageszeitung „Niedersächsische Volksstimme“ vom 09.01.1921 „Die zehn Gebote für Kinder“ veröffentlicht. Dazu erreichte mich folgende sehr lesenswerte Analyse / Leserrückmeldung von Günter Bialkowski.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Lassen wir uns für einen Augenblick in die Poesie dieses Gedichtes "Die Zehn Gebote für Kinder" aus der Arbeiterbewegung von damals ein. Es lohnt sich, mglw. finden sich Anhaltspunkte und Entwicklungen zur heutigen Zeit. Geschichtlich verstehen wir die Arbeiterbewegung als Antwort auf die damalige soziale Frage (Armut, Ausbeutung vs. Kapitalismus). Vom natürlichen Individuum ausgehendend entwickelten sich Bewegungen mit ihren kulturellen, liberalen, christlichen und nach der Spaltung auch kommunistischen vs. anarchistischen Ausrichtungen. Die Arbeiterschaft setzte auf die proletarische Kollektivität. Es verwundert nicht, dass die Idee des damaligen Liberalismus die Arbeiterschaft kategorisch aus dem bürgerlichen Bildungs- und Freizeitleben ausschloss, da ihr nach ihrer Logik Bildung und moralische Qualitäten fehlten - konnten Arbeiter gar keine eigene Individualität entwickeln.
Auf diese Provokation antwortete die Arbeiterbewegung mit der Entwicklung einer "Gegenkultur". Es kam zu vielen einzelnen Neugründungen für alle Lebensbereiche. In diesem Lichte einer "Parallelwelt" können wir das Gedicht für Kinder" von 1921 einordnen. In eigenen Bildungs- und Sportvereinen, Bibliotheken, Druckerzeugnissen, Gedichten, Liedern und Hymnen sollte die Jugend im Geiste der Solidarität und der Aufklärung, abseits konservativer und kirchlicher Milieus und Traditionen erzogen werden. Es war eine Zeit des Wandels, setzte das Arbeiterbewußtsein noch stark auf das Kollektiv - die Gruppe, so kann man hier schon das Ziel aller Bemühungen erkennen: Die Befreiung der Arbeiterklasse und die Hinführung des Einzelnen, der Einzelnen zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, hin zum modernen Individuum mit eigener Lebensgestaltung und allen bürgerlichen Rechten und Pflichten.
Schauen wir heute auf unsere Gesellschaft, so haben wir es weit gebracht. Unsere Selbstverwirklichung steht über den Interessen der Gemeinschaft. Der Individualismus bestimmt die Kultur des gesamten Westens, das Ich ist wichtiger als das Wir geworden. Unsere Parteien, Justiz, das GG, sie alle fördern den Individualismus, obwohl längst bekannt ist, dass zu viel Eigennutz jede Gesellschaft zerstört, den Zusammenhalt in Gruppen und Familien untergräbt und zu krankhaftem Egoismus und Selbstzerstörung führt. Welche Ausmaße die Selbstverwirklichung erreicht, lässt sich in Trumps Amerika beobachten. Da wir heute genügend Wissen und Literatur besitzen, kann sich jeder selbst ein Bild machen, wann wir den Grad der Selbstzerstörung Amerikas erreicht haben werden. Sorge sollte uns besonders das neue Verständnis der Natur bereiten. Das ewige Wachstum, die steten Neuerfindungen des Kapitalismus und die entfesselte Egomanie der führenden Köpfe nehmen weder Rücksicht auf die Ressourcen des Planeten, noch auf das Weltklima, noch auf das Gemeinwohl.
Wenn Sie zu diesem Abgleich eine Meinung haben, dann schreiben Sie im Boten und lassen uns wissen, wie Sie unsere Zukunft sehen. Die "niedersächsischen zehn Gebote für Kinder" berichten von den Erwartungen und Werte-Veränderungen damals, es ging für die Arbeiterschaft tatsächlich voran (Frauen-, Kinder-, Arbeits- und bürgerliche Rechte etc.). Brauchen wir heute wieder eine neue säkulare Ethik? Und warum schweigen die Kirchen, vom Papst Leo
XVI. einmal abgesehen, so hörbar bei diesen existenziellen Fragen der Menschheit?
Günter Bialkowski
Bezug:

Textabschrift:
10 Gebote für Kinder.
- Gebot: Liebe deine Schulgefährten, die die Arbeitsgenossen deines Lebens sein werden.
- Gebot: Liebe die Belehrung, die das Brot des Geistes ist; sei dankbar deinem Lehrer wie deinem Vater und deiner Mutter.
- Gebot: Du sollst alle Tage heiligen durch eine gute und nützliche Tat, durch eine freundliche Handlung.
- Gebot: Du sollst die guten Menschen ehren, alle Menschen achten, dich vor niemanden beugen.
- Gebot: Du sollst keinen Menschen hassen, keinen beleidigen, dich nicht rächen: aber du sollst dein Recht vertreten und den Übermütigen widerstehen.
- Gebot: Du sollst nicht feige sein. Sei ein Freund der Schwachen und liebe die Gerechtigkeit.
- Gebot: Sei eingedenk, daß alle Güter der Erde von Arbeit stammen; wer sie genießt, ohne zu arbeiten, der stiehlt den Arbeitenden sein Brot
- Gebot: Beobachte und denke Nach, um die Wahrheit zu erkennen. Glaube nichts, was der Vernunft widerspricht, täusche weder dich selbst, noch andere.
- Gebot: Denke nicht, daß der das Vaterland liebt, der die andren Völker haßt und verachtet aber am Kriege Gefallen findet, der ein Überrest der Barbarei ist.
- Gebot: Wünsche vielmehr den Tag herbei, an dem alle Menschen als freie Bürger eines Vaterlandes in Frieden und Gerechtigkeit als Brüder leben werden.
Siehe auch:
herral, 09.08.2026