Hameln, 26.10.2026: Hamelns SPD-Tageszeitung zur Zeit der Weimarer Republik ist kam jemanden bekannt. Hier Einblicke in Anzeigen und Veröffentlichungen der Niedersächsischen Volksstimme aus dem November 1930 (Quellendokumente):
Glosse: „Der Titel“, Verfasser mutmaßlich Arno Reichard (Schriftleiter) vom 17.11.1930
Abschrift: „Der Titel“
Der Titel ist ein Stück Lebensinhalt des deutschen Pfahlbürgers. Der Titel steift den Stehkragen und die Wirbelsäule, friert den Mundwinkel und zu weilen das Herz ein, gibt den Gesichtszügen einen streng – erhabenen Ausdruck und setzt dem Träger, (falls er sie noch nicht besitzt) zwei unsichtbare Hörner vor den Kopf, – die Symbole des Dünkels bzw. der Dummheit.
Ein deutscher Philister ohne Titelsucht ist einfach nicht denkbar. Wird sie befriedigt, steigert sich sein Selbstbewusstsein bis zur Arroganz. Zu ärgerlich, dass die elende Judenverfassung von Weimar, auch so eine marxistische Ausgeburt, aus der Titelstufenleiter die Sprossen herausgebrochen hat! Glücklicherweise aber wird uns die Judenrepublik, die geheimen und die wirklich geheimen Räte und die Sanitätsräte und die Exzellenzen nicht rauben können: soll sie´s wagen: einmütig wie ein alkoholisch, angelaufener Mann würde sich die nationalen Stammtische erheben und gegen die Schmach, die Juda, dem Deutschland der Titelträger, Titelstreber und Titelsüchtigen zufügt. Sämtliche bürokratischen Zöpfe würden wackeln, alle Leutnants und Oberleutnants aus Protest von ihrem Staat, keinen Pfennig Pension mehr entgegennehmen und was das ärgste ist: Frau Obersekretär Kutschke würde vor Wut explodieren, dass sie nicht mit „Frau Oberinspektor“ angeredet wird wie die Frau Schivelbeim von der ersten Etage, deren Mann ist schon „soweit“ gebracht hat.
Ganz unbestimmter und unausdenkbar aber ist der Lauf des Schicksal jenes Herrn Studienrates, dem der Titel so hoch in den Kopf gestiegen ist, dass sich in einem Gehirnwinkel eine Schraube gelockert hat. Der Mann hat eben erst die Vereine, denen angehören er als „guter Deutscher“ sich verpflichtet fühlt: den Flohzuchtverein, den Verein zur Erforschung der Küchenpsychologie, den Verein der Vollbartträger, den Selbststraferklub, der Gemeinschaft deutscher Männer ohne Komplexe und den Verband des Besitzers künstlicher Gebisse durch Handschreiben darauf aufmerksam gemacht, dass er am soundsovIelten zum Studienrat ernannt worden sei. Ausdrücklich hat er stirnrunzelnd hinzugefügt: „… und ersuche ich in Zukunft auch auf dem Briefumschlag, die mir gebührende Anrede Studienrat nicht außer Acht zu lassen. Hochachtungsvoll …“
Und das soll alles aus sein? Jetzt sollen ihm die Flohzüchter, Vollbärte, Selbsteinseifer, Komplexlosen und Kunstgebissler nicht den schuldigen Respekt erweisen? Hat es sich ausgeratet, ausgeheimt, aus geschleimt?
Aber nicht doch! Es ist ja alles bloß Fantasie! Nur ein Angsttraum der der Exzellenzen, der wirklichen und unwirklichen Geheimräte! Der Titel bleibt. Aber, zur Vorsicht, empfehlen wir: Philister aller Titulaturen vereinigt euch: Gründet den Verein zur Erhaltung und zur Verlängerung der Titel!
Autor, vermutlich Arno Reichard (Schriftleiter)
Karikatur: „So halten sie Wort!“ vom 18.11.1930:
Mit Hilfe der Nazi wurde im Auswärtigem Ausschuß des Reichstags der Antrag abgelehnt, die „Youngplan-Zahlungen“ einzustellen.

Vor der Wahl: „An den Galgen gehören alle, die für den Tributplan sind“
Nach der Wahl: “ Ihr seid doch jetzt auch für Tributzahlungen – also reif für den Galgen. Bitte, bedient Euch!“
Glosse: Niedersächsische Volksstimme, Hameln, Freitag, den 21. November 1930
Woran erkennt man einen Hakenkreuzler!
So ziemlich jeder Lastwagen Zug von SA-Leuten, der von der Polizei auf Waffen durchsucht wird, birgt ungeahnte Mordwerkzeuge, die zum notwendigen Propaganda-Rüstzeug der HakenKreuzler gehören. Von den zärtlichen Totschlägern bis zum robust armdicken Eisenstangen ist alles vertreten.
Adolf Hitler konnte deshalb mit seinem Bekannten, gutem Gewissen und seiner ebenso bekannten Wahrheit zuliebe im Schweidnitzer Prozess versichern: „Unsere SA Leute führen keine Waffen.“
Alle Zeitungen sind voll von dem Blut – und Mordtaten der Hitler-Buben. Eine, noch dazu lückenhafte Zusammenstellung über die Tätigkeit der Erneuerer Deutschlands ergab, dass in den letzten Monaten 215 Tote und Schwerverletzte von Nazi Mörder-Banden fielen.
Das Recht zu diesen Taten leiten Sie wahrscheinlich aus ihrem dritten Gebot her, dass da heißt: „Jeder Volksgenosse ist ein Stück Deutschland, liebe ihn wie dich selbst.“
In den Reihen der Hakenkreuz finden sich Zuhälter, Diebe, Betrüger und Mörder. Nie zuvor gab es in einer Organisation so viele Verbrecher.
Der Hakenkreuzführer Göring hat deshalb sicher den Nagel auf den Kopf getroffen, als er im Berliner Sportpalast erklärte: „Wir erkennen unsere Leute am edlen Blick.“
Einen echten Hakenkreuzler zu erkennen, fällt nun nicht mehr schwer: er trägt keine Waffen, liebt jeden Deutschen und hat einen edlen Blick.
Autor, vermutlich Arno Reichard (Schriftleiter)
Anzeigen Nds. Volksstimme vom 22.11.1930:
Niedersächsische Volksstimme, Hameln, Sonnabend, den 22. November 1930

Raubüberfall in Polle.
In der Herberge zu Polle erschien spät, abends ein junger Mann und verlangte Kaffee. Als die Herbergsmutter seinem Wunsch nachkommen wollte, fiel er über sie her und begann sie zu würgen. Die Frau setzte sich verzweifelt zur Wehr, wurde aber von dem Täter mit einem Dolch bedroht. Zum Glück hatte die im Hause anwesende Großmutter den Vorgang beobachtet, und sie rief den Herbergsvater telefonisch herbei. Als der Täter nun merkte, dass ein entkommen unmöglich war, brach er in die Rufe aus: „Ich bin verrückt, ich bin verrückt!“
Das konnte ihn aber nicht davor schützen, eine Tracht Prügel zu bekommen. Dann übergab man ihn zusammen mit seinen vor der Tür wartenden Komplizen, dem zuständigen Landjäger. Es soll sich um wandernde Scherenschleifer handeln.
Beiträge vom 22.11.1930:
Beiträge vom 30.11.1930:
Quelle: Stadtarchiv Hameln
herral, 26.10.2026



















