Ein persönlicher Gastbeitrag Hameln: „33 Jahre Katastrophe Tschernobyl“

Eine Handvoll Aktivisten hat heute in Hameln einem denkwürdigen Tag gedacht. Immerhin. Während im AKW-Grohnde gerade um die 50 abgebrannte Brennstäbe ausgetauscht und zu 100 000 Jahre strahlenden Restmüll werden, für die es bisher kein „Entsorgungskonzept“ gibt, singen 20 Menschlein in der belebten Altstadt: „We shall overcome“. Und keiner singt mit.

Die Hochzeitshausterrasse war eine Bühne ohne Publikum. Dieter, der Kämpfer, hatte alles gut vorbereitet, die Technik streikte vorerst, ließ sich aber animieren. Eine holländische Reisegruppe begann zu murren:“ Wir sin for de schöne Jlockenspiel jekommen, nich für euren Quatsch, wir sin für de Atomkruift. Wieviel Menschen sind im Bergbau gestorben?“ (freie Über- oder Untersetzung). Gut, Ansage verstanden.

Seit Jahrhunderten werden Menschen nun mal eher von hübschen Glockentönen verzaubert, als von der Aufklärung. Dieter verliest sein Statement und gedenkt der verstorbenen Umweltaktivistin Pape, Andrea rezitiert einen Text. Kaum eine Sau hört zu. Sind ja nur „Holländer“ da.

Wir bilden einen Singkreis. Michaels kleine Tochter (3,5 Jahre ?) steht neben mir, lacht mich an, trippelt drei Schritte von mir weg und sagt: “ Da passt noch einer dazwischen“. Ganz genau. Da hätten noch jede Menge Menschen dazwischen gepasst, die den Opfern von Tschernobyl gedenken und für ein sofortiges Ende der Atomkraft eintreten. Aber irgendwie war heute Eisschlecken mit Glockenspiel eher angesagt.

Wer erinnert sich heute noch an den 26.4.86? Ich erinnere mich noch ganz genau an den 27.4.86 (oder war es der 28.4?):

Es war einer wundervoller, strahlender und warmer Frühlingstag. Ich bestieg leicht bekleidet die Bahn nach Hannover zu meinem Zivildienst beim BUND-Landesverband. Nach Dienstschluss in Hameln wieder angekommen, setzte unmittelbar am Bahnhof ein warmer Frühlingsregen ein, den ich langsamen Schrittes genossen habe. Ich bin klitschnass zu Hause angekommen. Was ich nicht wusste: Es war der Niederschlag mit dem höchsten radioaktiven Fall-Out in Niedersachsen. Meine Schuhe habe ich noch jahrelang weitergetragen. Ich hatte nur ein Paar.

Zyniker und einige Holländer werden jetzt fragen: Und, was hat es ihm geschadet? Er lebt doch noch!

Allen, die es heute nicht geschafft haben dabei zu sein, folgende Empfehlung: Die Schweigeminute für die Opfer von Tschernobyl kann man auch privat nachholen, egal wann. Danach bitte mit der ganzen Familie lauthals „we shall overcome“ und dann „Wehrt Euch, leistet Widerstand,…“ singen. Singen macht Spass!

Mehr Glockenspiel! Grüße vom Thomas und Dank an Dieter. 27.4.19

Fotos mit freundlicher Genehmigung von R.W., 27.04.2019

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