Gastbeitrag: Die alte Walnuß! Für immer in meinem Herzen.

Hameln, 13.02.2026: Folgenden Text zum Thema „Lieblingsbaum“ übersandte Sibylle Voss:

Kann man das von einem Baum sagen? Man kann sowieso, und man „darf“ es auch, finde ich. Dieses Wort sollte nicht Traueranzeigen vorbehalten sein. 

Die Walnuß stand am Rande des Klütviertels. Auf dem Weg von der Stadt zum Garten wuchsen damals am  Campingplatz hinter der Hecke mehrere alte Platanen. 

Fußgänger, die ihr euch auch noch an diese stattlichen Bäume erinnert: gedenken wir der gefällten Weggefährten mit Freude und Dankbarkeit.

Die Walnuß also. Wenn ich an einem heißen Tag die ersten etwa 30 Meter auf dem Plattenweg unterm Weinspalier her gegangen war, trat ich unter den ausladenden Schirm der Walnuß wie in eine andere Klimazone. Was für eine Wohltat. Glücklicherweise von diesem Baum überdacht: das Gartenhaus und der halboffene Schafstall.

War anfallende Arbeit getan und gern auch, ohne daß irgendeine Arbeit getan war, konnte ich dort, am Ende des Gartens sitzen und schauen, sinnieren, mit dem leichten Gartenstuhl wandern zum je schattigsten Platz.

Der typisch herb-würzige Geruch der Blätter steigt mir in die Nase. Ahh. Ich höre die verschiedenen Klänge, wenn im Herbst die Nüsse fielen – auf Gras, auf die Platten des Vorplatzes, auf bemooste und nicht bemooste Dachziegel des Gartenhauses, auf das Welldach aus Kunststoff überm Schafstall. Splutsch. Zuweilen platschte eine Nuss genau in die kleine Wasserstelle.

Da! Dieses Kratzen. Das ist das Eichhörnchen, das vom Nachbargarten herüberkommt. Gern nutzt es die Walnuß als Sprungschanze hinüber zu den Ästen der Hasel überm Schuppen. Manchmal ist der Garten seine Jausenstation – dann futtert es unterm Pflaumenbaum Vogelfutter, das aus der Säule gefallen ist. Wie es da sitzt und knabbert. So possierlich!

Ein Mal sitze ich wieder und schaue hoch, da hockt es genau über mir und schaut seinerseits. Aug in Aug. He, Mensch, Faultier, Bewegung! (denkt Mensch sich dazu).

Die Vögel! Freilich huschten Grasmücken, Meisen, Spatzen, Amseln, Rotkehlchen und andere Gäste durchs Laub der Walnuß, zeigten sich aber, natürlich, vor allem an und in den Obstbäumen, im Herbst und Winter mit Knödelhalter und Futtersäule lockend.

An besonders glücklichen Tagen hüpfte der Grünspecht, meist nah der Kirsche, durchs hohe Gras und lachte laut und ansteckend. 

Je nach Jahreszeit blühte es am Fuße der Walnuß üppig – Baum im Blumenrand kam mir oft in den Sinn. Schneeglöckchen, Winterlinge, Primeln, Blausterne, wilde Möhre. 

Natürlich gab es im Herbst reichlich zu tun. Nüsse sammeln. Kratsch, hatte ich schon wieder eine übersehen und war draufgetreten. Laub rechen. Die Dächer vom Gartenhaus und vom Schafunterstand von Nüssen und nassem Laub freihaken.

Bei Regen wurde Wassermusik vom Blatt gespielt; trotzdem konnte ich draußen sitzen, wenn es nicht gar zu sehr pladderte. Gartenheimat. Bei allen anziehenden Plätzen im Garten fand das Wort unter der Walnuß seinen besonderen Klang.

Als ich im April 2017 von einem Besuch bei meiner Schwester zurückkam, bot die Walnuß ein Bild des Jammers. Der scharfe Frost zu Ostern hatte die zuvor schon weitgediehenen Triebe zerstört. Schwarzgrüne Gebilde hingen schlaff herunter. Ebenso war es bei der Hasel, die ein so schöner Grenzbaum an der äußersten Ecke des Gartens gewesen war.

Große Sorge. Würden die beiden neu austreiben? 

Warten. Hoffen. Die Hasel blieb ohne Leben.

Die Walnuß hingegen hatte genug Kraft für neuen Austrieb gehabt, doch sie war sichtbar nicht mehr die Alte, auch in den folgenden Jahren nicht. Doch immer noch ein schöner Baum, immer noch einigen Schatten spendend. Wenn ich, wie gewohnt, zuweilen sacht ihre Rinde klopfte, war das irgendwie, auf baumhafte Weise, tröstlich. Sie lebt, sie steht, womöglich noch viele Jahre.

Dann verkaufte die Freundin aus Altersgründen den Garten.

Immer wenn ich beim Spazierengehen in der Feldmark auf die Gärten zuging und von weitem „unsere“ Walnuß  sah, blühten besonders lebhaft Erinnerungen auf. Wunderbare Jahre und prägend darin dieser Baum. 

Vor einigen Jahren besuchte ich eine ehemalige Gartennachbarin. Ein Sturm habe die Walnuß umgeworfen, erzählte sie; der große Baum war auf das Gartenhaus und zum Teil das der Nachbarin gestürzt. Nach einer Ortsbesichtigung stand mir nicht der Sinn. 

Ein Segen, daß ich acht Jahre mit diesem alten Baum leben durfte.

Sybille Voss


Zum Thema #lieblingsbaum


Foto: Von Krzysztof Golik – Eigenes Werk

Siehe auch.

https://de.wikipedia.org/wiki/Echte_Walnuss#/media/Datei:Bark_of_Juglans_regia_01.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Echte_Walnuss


herral, 13.02.2026

2 Gedanken zu „Gastbeitrag: Die alte Walnuß! Für immer in meinem Herzen.“

  1. „Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
    Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
    und tauscht bei ihnen seine Seele um.
    Die Bäume schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
    Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.“

    Da hat Erich Kästner sich in seinem Gedicht „Die Wälder schweigen“ auf ähnliche Art respektvoll wie die Autorin oben ausgedrückt.
    Wäre es nicht naheliegend, solchen Brüdern und Schwestern mehr Dankbarkeit zu zeigen und nicht – wie leider so oft – Achtlosigkeit?

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