Gastbeitrag zu Dr. Ernst Theodor Loeb – Landrat in Hameln von 1919 – 1933 – von Bernhard Gelderblom

Hameln, 27.09.2026: Bernhard Gelderblom schreibt…

Ernst Theodor Loeb war ab 1919 Landrat des Kreises Hameln – ein Rückblick auf seine Verdienste

Ein Mann mit preußischen Tugenden – Wie die Nazis Ernst Theodor Loeb aus dem Amt drängten

Von 1919 bis 1933 war Ernst Theodor Loeb Landrat in Hameln. Er trieb wichtige Bauprojekte voran, verkörperte preußische Tugenden – und wurde von den Nationalsozialisten verfolgt. Die Geschichte eines vergessenen Verwaltungsjuristen.


Sein insgesamt segensreiches Wirken als Landrat in Hameln umfasste nur 14 Jahre und ist bisher nie gewürdigt worden. Es kennzeichnet die Bescheidenheit des Mannes, dass im Kreisarchiv nicht einmal ein Porträt von ihm existiert.

Ernst Theodor Loeb (1881 bis 1964) stammte aus einer Familie, die stets ihre Zugehörigkeit zu Preußen betonte. Dem Staate in herausgehobener Position zu dienen, war ihr Motto. So war der Vater Landgerichtsdirektor, der Onkel General im Ersten Weltkrieg. Loeb verkörperte die vom Protestantismus geprägten preußischen Tugenden wie Zuverlässigkeit, Sparsamkeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Fleiß geradezu vorbildlich, teilte aber auch die gegenteiligen Stereotype von autoritärem, patriarchalem und demokratieskeptischem Denken.

Warum sich Ernst Theodor 1924 in Loeb-Caldenhof umbenannte

Wie der Name Loeb andeutet, war die Familie jüdischen Ursprungs. Sie war aber vor drei Generationen evangelisch geworden, sodass die antijüdischen Gesetze der Nationalsozialisten Ernst Theodor Loeb nicht hätten betreffen dürfen. Möglicherweise um in Zeiten eines aufkommenden Antisemitismus den jüdischen Ursprung unkenntlich zu machen, nannte sich Ernst Theodor seit 1924 Loeb-Caldenhof. Der Zusatz ging auf das bedeutende Landgut Caldenhof bei Hamm in Westfalen zurück, das die Familie seit drei Generationen besaß.

Der junge Loeb studierte Jura in Berlin, promovierte und schlug eine Laufbahn als Verwaltungsjurist ein. Im Ersten Weltkrieg leitete er ein Regiment und wurde verwundet.

1919 übernahm Loeb den Landkreis in chaotischen Zeiten

1919 setzte ihn die preußische Regierung zum Landrat des Kreises Hameln ein. Einen schwierigeren Beginn seiner Laufbahn kann man sich kaum vorstellen. Deutschland war politisch zerrissen, hatte die furchtbare Niederlage zu verkraften, litt unter Hunger, beginnender Inflation und hoher Arbeitslosigkeit.

Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände in seinem Landkreis agierte Loeb nach dem Muster der königlich-preußischen Landräte der Kaiserzeit obrigkeitlich, stellte sich auf die Seite der Besitzenden, der Landwirte und Gutsbesitzer, und sah nicht die Not der kleinen Leute.

Landrat warnte öffentlich vor Preistreiberei und fürchtete Kommunisten

In der Dewezet warnte er am 24. August 1921 vor Preistreiberei mit Lebensmitteln. Sie sei eine schwere Gefahr für die Ernährung der Bevölkerung und den sozialen Frieden. In einem internen Schreiben sprach er dagegen von „Agitatoren“, welche die Erregung in der Bevölkerung über die zunehmende Teuerung missbrauchten. Der Landrat fürchtete einen politischen Umsturz unter kommunistischer Führung. Leben, Gesundheit und Eigentum der Landwirte seien schwer gefährdet. Erst im Inflationsjahr 1923 ging der Landrat gegen die zahlreichen rechtsradikalen Organisationen vor, die den jungen demokratischen Staat stürzen wollten und ordnete Haussuchungen an.

Mit der Beruhigung der Lage traten andere Züge des Landrats deutlicher in den Vordergrund. Sein patriarchalisches Denken, das soziale Unter- beziehungsweise Überordnung als von Natur, letztlich von Gott gegeben ansah, umfasste auch die Sorge der Obrigkeit um die Untertanen. So setzte er sich bereits 1919 für eine bessere Ausbildung der häufig verschuldeten Kleinbauern ein. 1920 wurde er Vorstandsmitglied der Siedlungsgenossenschaft „Neukraft“, die Wohnhäuser für Landarbeiter baute.

Zusammenlegung zweier Kreise vergrößerte Zuständigkeitsbereich erheblich

Auch auf dem Gebiet der Verwaltung erwarb sich der Landrat Verdienste. In die Zeit seiner Tätigkeit fällt die Zusammenlegung des Kreises Hameln mit dem bisher waldeckischen Kreis Pyrmont zum neuen Landkreis Hameln-Pyrmont. Damit vergrößerte sich sein Zuständigkeitsbereich räumlich und der Einwohnerzahl nach erheblich. Zur feierlichen Vereinigung am 1. April 1922 erschien der preußische Innenminister Carl Severing.

Einen großartigen Erfolg konnte der Landrat mit der Fertigstellung der Landwirtschaftlichen Lehranstalt in der Sedanstraße 1924 verbuchen. Im Treppenhaus der Schule erinnert eine Tafel an die Zeitnöte: „Aus Deutschlands Not und Hoffnung ist dies Werk geboren. Einmütiger Wille aller Stände trägt es.“

Foto: Das Gebäude der Landwirtschaftlichen Lehranstalt in der Sedanstraße erinnert an ein ländliches Herrenhaus. Heute beherbergt es die Volkshochschule.

Kreissparkasse und Kreiskrankenhaus: Zwei Neubauten während Loebs Amtszeit

1930 konnte er den Neubau der Kreissparkasse am Pferdemarkt einweihen, der zugleich mit dem Umbau des benachbarten Kreishauses angegangen worden war. Besonderes Glanzstück war der Sitzungssaal. Er enthielt farbige Fenster mit den Wappen der Städte, Flecken und Gemeinden des Kreises. Die Anfertigung der von Rudolf Riege entworfenen Wappen, die bis heute identitätsstiftend sind, war vom Landrat liebevoll betreut worden.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit war die Wohlfahrtspflege. Beispielhaft ist der Neubau des Kreiskrankenhauses, zu dem sich der Landkreis Anfang der 1930er-Jahre entschloss. Die Früchte ernteten die Nationalsozialisten, die das stattliche Gebäude in der Wilhelmstraße 1934 einweihten.

Foto: Der Neubau des Kreiskrankenhauses in der Wilhelmstraße 1934 – Hamelns erstes Hochhaus. Quelle: Heimatbuch des Kreises

Angriff durch die Nationalsozialisten – Verteidigung durch bekannte Hameln-Pyrmonter

Obwohl der jüdische Ursprung der Familie offenkundig war, blieb der Landrat lange von Kritik der Nationalsozialisten verschont. Erst im März 1933 – die von Hitler geführte Regierung war bereits zwei Monate im Amt – erschien im „Nationalsozialistischen Beobachter für das Oberweserbergland“ ein Angriff. Mit dem Bau von Landwirtschaftsschule und Krankenhaus sowie seiner intensiven Wohlfahrtspflege habe er Geld verschwendet.

Der Artikel ist nur durch eine Entgegnung bekannt, die am 24. März 1933 in der Dewezet erschien. Unterzeichnet hatten sie unter anderem mehrere Rittergutsbesitzer wie von Hake (Ohr und Diedersen), Landschaftsrat von Klencke (Hämelschenburg) und der ehemalige Hamelner Bürgermeister Sertürner. Der Landrat habe in schwierigen Zeiten verstanden, „unendlich viele Schwierigkeiten zu beseitigen, ausgleichend zu wirken und den Interessen der Gesamtbevölkerung gerecht zu werden. Wir sind überzeugt, daß die erfolgten Angriffe an leitender Stelle der NSDAP nicht gutgeheißen werden“.

Foto: Der Sitzungssaal des Kreistags mit den farbigen Wappen der Städte, Flecken und Gemeinden des Kreises in einem Foto von 1934. Nach dem Abriss des Kreishauses zugunsten der Stadt-Galerie wurden die Glasfenster in den Neubau des Kreishauses verlegt. QUELLE: HEIMATBUCH DES KREISES

Verteidigung ohne Erfolg: Landrat wird abgesetzt

Diese Überzeugung war trügerisch. In einem drei Tage später veröffentlichten, aggressiv formulierten Leserbrief zog der NSDAP-Kreisleiter Erich Teich die antisemitische Karte und sprach vom Landrat als einem Manne, „der zwar nicht mosaischen Glaubens, der aber dem Blute nach Halbjude ist“. Er habe die Schuldenlast vermehrt und zu wenige Wohnungen gebaut. „Die Quittung wird nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen! … Heil Hitler.“

Am 19. April 1933 meldete die Dewezet „die sofortige Beurlaubung des Landrats … aus allgemein-politischen Erwägungen“. Um die Entlassung juristisch abzusichern, leitete der preußische Innenminister Hermann Göring am 6. Mai 1933 ein „Dienststrafverfahren mit dem Ziele der Entfernung aus dem Amt“ ein. Loeb-Caldenhof habe den Landkreis durch kostspielige Umbauten seiner Dienstwohnungen belastet, die Bauarbeiten der genossenschaftlich

verfassten „sozialistischen Bauhütte Hameln“ übertragen und kostspielige „Gemeindewasserleitungen besonders in den Gemeinden mit links gerichteten Gemeindevertretungen“ errichten lassen. Mit derart fadenscheinigen Begründungen wurde der Landrat auf Grund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zwangsweise endgültig in den Ruhestand versetzt.

Bernhard Gelderblom

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Der Beitrag wurde am 26.09.2026 auch in der DEWEZET veröffentlicht.


Ergänzende Quellendokumente (eigene Recherche):




Quelle: Archiv DEWEZT


herral, 27.09.2026

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