Hameln, 06.11.2026 : Den ungewohnten, vielleicht sperrigen, aber sehr interessanten Begriff „Konkordanzdemokratie“ prägte der neue Fraktionsvorsitzende der CDU, Dr. Martin Lücke, gemeinsam mit der neu gegründeten Gruppe mit der SPD und deren Fraktionsvorsitzenden Wilfried
Binder. Spannend zu erleben, was das in der Praxis bedeutet. Die konstituierende Sitzung des Hamelner Stadtrates am 4.11.2026 gab Einblicke.
Zunächst zu dem, was vielleicht Hameln die nächsten Jahre prägen wird: Konkordanzdemokratie. Wikipedia schreibt zum Begriff, dass es hier Ziel ist, eine möglichst große Zahl von Akteuren (Parteien, Verbände, Minderheiten, gesellschaftliche Gruppen) in den politischen Prozess einzubeziehen und Entscheidungen durch Herbeiführung eines Konsenses zu treffen.
Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Konkordanzdemokratie
Ich verstehe es als Chance für Hameln, aber auch als Maßstab für Schwarz-Rot.
Jetzt aber zum Verlauf der Ratssitzung:
Um 18.05 Uhr eröffnete der lokale „Alterspräsident“ – das Ratsmitglied mit dem ältesten Anteil von Sitzungsjahren – die konstituierende Sitzung. Jürgen Mackenthun von den Grünen verband die Begrüßung mit dem Wunsch, beim Ringen um den besten Weg die Inhalte in den Vordergrund zu stellen. Völkische, extremistische Tendenzen – ein Handeln, das gegen die Freiheitlich-Demokratische-Grundordnung gerichtet ist, hätten in Hameln keinen Platz.
Der Saal war sehr gut gefüllt. Mehr als 50 Zuschauerinnen und Zuschauer hatten sich eingefunden, so dass noch Stühle nachgestellt werden mussten. Die DEWEZET war mit einer ganzen Reihe von Redakteuren erschienen. Der Chefredakteur Herr Thimm hatte auf der Zuschauerbank Platz genommen. Für radio aktiv waren Oliver Hoppe und ein neuer Mitarbeiter mit dabei.
Von den 43 gewählten Ratsmitgliedern waren 41 erschienen. Abgemeldet hatten sich zwei Ratsmitglieder. Die Stimmverhältnisse waren:
- CDU – 12 Stimmen
- SPD – 11 Stimmen
- Grüne / Linke – 8 Stimmen (Frau Liliental fehlte)
- AfD – 6 Stimmen (Herr Hügge fehlte)
- FDP/Frischer Wind – 3 Stimmen
Die Sitzung dauerte drei Stunden und 15 Minuten und damit eine Stunde länger als ursprünglich geplant. Der Oberbürgermeister hatte zu 20 Uhr zu einem „Umtrunk“ zum Kennenlernen und Gedankenaustausch eingeladen.
Woran das lag und was von den insgesamt 19 Tagesordnungspunkten interessant war, lesen Sie hier:
a) Wahl des Ratsvorsitzenden
Ging schnell. Gewählt wurde einstimmig Thorsten Sander, CDU. Dieser übernahm dann sofort die Sitzungsleitung.
b) Wahleinspruch der AfD zur Kommunalwahl Hameln.
Hierzu äußerte sich in ihrer Rolle als Ausschussvorsitzende „Recht und Sicherheit“ Anett Dreisvogt (Grüne): Der Einspruch sei juristisch und faktisch abzulehnen. Mutmaßungen würden nicht ausreichen, das Vertrauen auch in die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer zu erschüttern.
Die Verwaltung hatte in ihrer ausführlichen Ablehnungsbegründung (siehe unten) u.a. ausgeführt, dass der Anteil ungültiger Stimmen 2026 (2,69 %) nicht auffällig unterschiedlich zu den beiden vorangegangenen Stadtratswahlen (2021 = 2,4 % und 2016 = 2,8 %) ist. Die AfD hielt ihren Antrag mit dem Sprecher Rupert Holtz aufrecht. Abstimmungsergebnis: bei 6 Gegenstimmen der AfD wurde der Wahleinspruch zurückgewiesen.
c) Wahl der ehrenamtlichen Bürgermeisterin, der Bürgermeister
Die CDU-SPD Fraktion hatte sich auf einen Vorschlag mit den Namen Birgit Albrecht (CDU), Wilfried Binder (SPD) und Hagen Langosch (Grüne) geeinigt. Einstimmig gewählt wurde Herr Binder. Bei Frau Albrecht gab es in offener Abstimmung drei Enthaltungen aus dem Bereich AfD und FDP. In geheimer Wahl wurde dann Hagen Langosch mit 32 Ja zu 6 Nein-Stimmen bei drei Enthaltungen gewählt. Als Gegenkandidat hatte die AfD ihr Ratsmitglied Wolfram Wittkopp vorgeschlagen.
d) Auswahl der Ausschussvorsitzenden durch die Fraktionen
Vorbemerkung:Neben den erfolgten Besetzungen von Ausschüssen und Gremien ist die Auswahl der Vorsitzenden eine durchaus bedeutende Sache. Die politischen Parteien haben mit den Ausschussvorsitzenden Einfluss, für sie wichtige Themen zu gestalten. Das Auswahlrecht richtet sich nach der Größe der Fraktionen – hier darf die größte Fraktion anfangen, dann geht es reihum.
Ausgewählt wurden von der:
CDU – der Familienausschuss (Frau Hart) und der Umweltausschuss (Frau Hinrichs-Leiseberg)
SPD – der Stadtentwicklungsausschuss (Herr Meyer-Bergmann) und der Kulturausschuss (Herr Knippertz)
Grüne/Linke – der Ausschuss für Recht und Sicherheit (Frau Dreisvogt)
AfD – der Finanzausschuss (Herr Holtz)
e) Wahl der Ortsvorsteher / Stellvertreter für Rohrsen und Wangelist
Das Vorschlagsrecht für den Ortsvorsteher Rohrsen lag bei der AfD: Diese schlug das FDP Ratsmitglied Martin Brüggemann vor. Dieser bat daraufhin um Unterbrechung der Sitzung für eine persönliche Erklärung. Hier gab er an, dass der Vorschlag der AfD mit ihm nicht abgestimmt gewesen sei. Er würde aber sehr gerne die Funktion übernehmen, verwies auf seine hohe Stimmenzahl bei der Wahl und bat um die Zustimmung auch der anderen Ratsfraktionen.
Im Anschluss erfolgten dann Abstimmungsgespräche in den Fraktionen. Dauer ca. 10 Minuten.
Als die Sitzung wieder eröffnet wurde, meldete sich Martin Brüggemann erneut zu Wort und erklärte, dass er für die Wahl auf Grundlage eines AfD Vorschlages leider nicht mehr zur Verfügung stehe. Ein neuer, anderer Vorschlag von Seiten der AfD erfolgte nicht.
Der Ratsvorsitzende bat nun um weitere Vorschläge aus dem gesamten Gremium. Hier meldete sich als erster Herr Limberg und schlug erneut Martin Brüggemann vor.
Nach einer von der CDU beantragten weiteren Sitzungsunterbrechung (Dauer ca. 20 Minuten) erfolgte von Seiten der Fraktion der Vorschlag, Herrn Viktor Lehmann (CDU Mitglied aus Rohrsen – kein Ratsmandat) zu wählen.
In geheimer Wahl wurde Herr Lehmann mit 28 Ja-Stimmen gewählt. Martin Brüggemann bekam 10 Stimmen. Zusätzlich gab es 2 Enthaltungen und eine ungültige Stimme. Als seine Stellvertreterin wurde anschließend Ann-Kathrin Mommert gewählt.
Für die Ortschaft Wangelist wurde als Ortsvorsteher Uwe Burhenne (CDU) einstimmig gewählt. Als Stellvertreterin wurde Sandra Heldner (Grüne) bei 5 Enthaltungen einstimmig gewählt.
Die Ratssitzung endete um 21.13 Uhr.
f) Atmosphärisches – persönliche Bewertung – Fazit:
Die konstituierende Sitzung des Rates ist an sich langweilig. Formalien, Verpflichtungen, Stellenbesetzungen. Hier verlief alles strukturiert und vorbereitet. Lediglich die Wahl des Ortsvorstehers für Rohrsen brachte Unruhe / Unterhaltung. Dass Martin Brüggemann sich nicht sofort von dem Wahlvorschlag der AfD distanzierte, sondern es zunächst versuchte auf diesem Wege gewählt zu werden, war unklug. Dass er im Vorfeld nicht das Gespräch mit den Fraktionsspitzen der anderen Parteien gesucht hatte war unprofessionell. Ihm dürfte schon im Vorfeld klar gewesen sein, dass er sich mit Teilen der CDU komplett überworfen hatte und hier nicht mehrheitsfähig war. Nicht ohne Grund hatte er dort keinen aussichtsreichen Listenplatz mehr bekommen und hatte dann die Partei gewechselt. Der eigentliche Kandidat für den Ortsrat saß schon auf der Zuschauerbank. Martin Brüggemann ist an sich selbst gescheitert. Die AfD war hier nur Trittbrettfahrer und nutzte die Spannungen innerhalb der Fraktionen, um für sich Aufmerksamkeit zu generieren.
Dass CDU und SPD die Grünen nicht ausgrenzen wollen, zeigte sich m.E. auch an dem Vorschlag, Hagen Langosch erneut zum stellvertretenden Bürgermeister zu wählen. Zudem wurde die Stellvertretung für den Ortsvorsteher in Wangelist mit einer Grünen Stadtratskandidatin besetzt. Diese Positionen hätte man auch mit eigenen Leuten besetzen können.
Schauen wir mal, wie es weitergeht mit der Konkordanzdemokratie in Hameln. Ich für meinen Teil bin optimistisch gestimmt nach Hause geradelt. Neue, vielversprechende Akteure bieten die Chance für eine gute Ratsperiode.
Die Stimmung blieb so lange gut bis ich dann die Berichterstattung der DEWEZET über die Ratssitzung las. Aber dazu evtl. an anderer Stelle mehr.
Unser Lokalsender radio aktiv berichtet in zwei Beiträgen vom Verlauf:
Interessante Sitzungsunterlagen:

Ratsvorlage Wahleinspruch:
Weitere amtlichen Unterlagen finden Sie hier:
https://kombox.kdo.de/st_hameln/s/pHzeMnoTxGPN7JX?dir=/04.11.2026%20Rat
Was meinen Sie? Schreiben sie ihre Rückmeldung gerne hier als Kommentar. Herral, 07.11.2026: