Niedersächsische Volksstimme vom 09.01.1921

Ein Blick in die Zeit vor 100 Jahren in Hameln. Fast tagesaktuell für heute beschreibt die Konkurrenzzeitung der DEWEZET von damals die Notwendigkeit einer Tageszeitung für die politische Bildung der Menschen.

Hier der Text:

Ein Blick in die Zukunft

ist uns versagt. Aber gewiß ist, daß wir vor bedeutungsvollen Wahlen stehen. Der Wahlkampf hat schon begonnen. Es gilt nun Aufklärung über die Wege, die aus ihr Herausführen können, in die weitesten Volkskreise zu tregen. Dazu genügt nicht das gesprochene Wort in den Versammlungen, auch nicht die nur von Zeit zu Zeit wirksame Sprache des Flugblattes. In der

täglich erscheinenden Presse liegt die Macht

nach der sich politische Meinungen bilden und der Wille des Volkes sich formt. Der im Kriege mächtig erstarkte Kapitalismus hat das gut erkannt. Zielsicher arbeitet er darauf hin, den arbeitenden Massen an Stelle der politischen Fesseln, von denen sie durch die Revolution befreit wurden, geistige Ketten anzulegen. Immer deutlicher tritt in Erscheinung, wie das Finanzkapital sich die Not der Zeitungen zunutze macht, um immer mehr Blätter in seinen Dienst zu stellen und durch sie die Massen geistig zu beherrschen.

Dieser neuen Sklaverei kann das arbeitende Volk nur dadurch entgehen, daß es jener eigenen Presse die weiteste Verbreitung sichert. Die jetzige Wahlbewegung bietet den stärksten Ansporn dazu. Für alle, denen Sozialismus und Demokratie die Leitsterne ihres politischen und kulturellen Strebens sind, gibt es nur ein Organ, durch das ihre Überzeugung vertreten wird:

die „Niedersächsische Volksstimme.“

Sie wird ihrer Aufgabe in jeder Beziehung gerecht. Ihr gesamter politischer Nachrichtendienst wird ständig verbessert. Der Umfang unseres Blattes wird nach Kräften verstärkt. Die Gemeindepolitik wird stets aufmerksam verfolgt. Als Richtschnur dient der „Niedersächsichen Volksstimme“ nur:

das Gemeinwohl fördern, ohne Rücksicht auf Augenblicksstimmungen.

Wer seine Pflicht erfüllen will als Sozialdemokrat und Förderer der Volksinteressen wirke für die Volksstimme.

Anmerkung: Die sozialdemokratische ausgerichtete Zeitung hatte sich im Oktober 1919 gegründet, um einen Alternative zu der ansonsten in Hameln veröffentlichenden DEWEZET, mit einer damals deutlich nationalkonservativen / demokratiekritischen Ausrichtung anzubieten.


Als ein Beispiel für die Probleme vor 100 Jahren aus der amtlichen Mitteilung des Kreis Hameln:

Butterverteilung: In der Woche vom 9.-15 Januar 1921 wird an die versorgungsberechtigen Personen des Kreises Hameln Butter nicht verabfolgt. Der Vorsitzende des Kreisausschusses. Dr. Loeb.

Bestrafung: Der Landwirt Fritz Weber in Königsförde ist wegen Nichtablieferung von Milch zu 500 Mark Geldstrafe eventuell 50 Tagen Gefängnis rechtskräftig und kostenpflichtig verurteilt worden. Hameln, den 8. Januar 1921. Der Vorsitzende des Kreisausschusses. Dr. Loeb.


Gleichfalls auch heute absolut aktuell sind die abgedruckten Gebote für Kinder. Es ist irgendwie bezeichnend das die Zeitung damals, die diese Leitlinien publizierte 1933 von den Nationalsozialisten verboten und zerschlagen wurde. Das Konkurrenzblatt überdauerte bis heute.

10 Gebote für Kinder.

  1. Gebot: Liebe deine Schulgefährten, die die Arbeitsgenossen deines Lebens sein werden.
  2. Gebot: Liebe die Belehrung, die das Brot des Geistes ist; sei dankbar deinem Lehrer wie deinem Vater und deiner Mutter.
  3. Gebot: Du sollst alle Tage heiligen durch eine gute und nützliche Tat, durch eine freundliche Handlung.
  4. Gebot: Du sollst die guten Menschen ehren, alle Menschen achten, dich vor niemanden beugen.
  5. Gebot: Du sollst keinen Menschen hassen, keinen beleidigen, dich nicht rächen: aber du sollst dein Recht vertreten und den Übermütigen widerstehen.
  6. Gebot: Du sollst nicht feige sein. Sei ein Freund der Schwachen und liebe die Gerechtigkeit.
  7. Gebot: Sei eingedenk, daß alle Güter der Erde von Arbeit stammen; wer sie genießt, ohne zu arbeiten, der stiehlt den Arbeitenden sein Brot
  8. Gebot: Beobachte und denke Nach, um die Wahrheit zu erkennen. Glaube nichts, was der Vernunft widerspricht, täusche weder dich selbst, noch andere.
  9. Gebot: Denke nicht, daß der das Vaterland liebt, der die andren Völker haßt und verachtet aber am Kriege Gefallen findet, der ein Überrest der Barbarei ist.
  10. Gebot: Wünsche vielmehr den Tag herbei, an dem alle Menschen als freie Bürger eines Vaterlandes in Frieden und Gerechtigkeit als Brüder leben werden.

Anzeigen der Ausgabe:

Das hier abgelichtet Exemplar stammt aus dem Bestand des Stadtarchiv Hameln.

Ralf Hermes, 09.01.2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.