Gastbeitrag: Antikriegstag in Hameln – Rede von Bernhard Gelderblom am 01.09.2023

Hameln, 03.09.2023: Gut 100 Menschen haben an der Erinnerungsveranstaltung am 01.09.2023 auf dem Friedhof Wehl teilgenommen. Einer der Redner war Bernhard Gelderblom mit der Darstellung des Schicksals von Sef van Megen, eines der Opfer des Todesmarsches aus dem Hamelner Zuchthaus. Der Beitrag ist hier im Wortlaut von Bernhard Gelderblom zur Veröffentlichung freigegeben. Vielen Dank dafür:

Kurz zu diesem Gräberfeld mit der Bezeichnung C1: Es hatte bei der Friedhofsverwaltung wohl nie die Absicht bestanden, dieses Feld zu belegen. Schattig, immer feucht und ganz abgelegen, war es kaum für Bestattungen geeignet. Im November 1944 war es dann doch so weit. Die Totenzahlen im Zuchthaus schnellten hoch. Die Männer starben an Hunger, nicht versorgten Krankheiten, Erschöpfung (Im Zuchthaus wurde in der NS-Zeit nicht hingerichtet).

In den wenigen Monaten von Dezember 1944 bis Juni 1945, also noch lange nach der Befreiung, wurden hier 181 Männer bestattet: ohne Sarg, häufig zu zweit übereinander, ohne Zeremonie, ohne Angehörige. Die Häftlinge, mehrheitlich politische Gefangene, Widerstandskämpfer, viele Ausländer, sprachen selbst von dem Gräberfeld als dem „Verbrecherfeld“.

Eine Frau, deren Vater hier bestattet wurde (Er war Sozialdemokrat, hatte Zwangsarbeitern geholfen und war wegen angeblicher „Rundfunkverbrechen“ verurteilt worden), sagte mir: Sie habe sich für ihren Vater immer geschämt. Er sei ja ein „Krimineller“ gewesen. Sie übernahm damit das Urteil, dass der Großteil der Deutschen während und nach dem Krieg über die Insassen gefällt hatte.

In dem Bewusstsein, dass hier lauter Kriminelle bestattet waren, ordnete die Friedhofsverwaltung 1976 die Einebnung der Gräber an. Und aus dem Kreis der Angehörigen wehrte sich niemand dagegen. Dabei hätten die hier Bestatteten als Kriegsopfer ein Anrecht auf dauerndes Ruherecht gehabt.

Es dauerte 42 Jahre, bis das Gräberfeld 2018 rekonstruiert, als „Kriegsgräberfeld“ anerkannt und so, wie es heute aussieht, würdig hergerichtet war.

Von knapp 10.000 Häftlingen, die das Zuchthaus Hameln 1933-1945 durchlaufen haben, stammten 853 aus den Benelux-Ländern, also rund jeder zwölfte. Sie wurden zumeist in den letzten Kriegsmonaten eingeliefert, als jede Ordnung im Zuchthaus zusammengebrochen war. Überproportional viele, 212, überlebten die Zeit der Haft nicht, also etwa jeder vierte.

Sef van Megen, 1916 geboren, war Lehrer im nördlich von Venlo gelegenen Dorf Broekhuizen in der Provinz Limburg, an der Maas.

Seit 1941 engagierte er sich im Widerstand, vor allem als Fluchthelfer, für französische Kriegsgefangene, abgeschossene britische Piloten, Juden. Mit dem Boot des Fährmanns wurden sie nachts über die Maas gesetzt, mit Quartier und Zivilkleidung ausgestattet und über Belgien, Frankreich auf den Weg nach Spanien geschickt. 1943 wurde Sef van Megen verhaftet. Ein deutsches Gericht verurteilte ihn wegen „Verbreitung deutschfeindlicher Schriften“ zu 5 Jahren Zuchthaus.

Zunächst wussten die Deutschen nicht, welch großen Fisch sie gefangen hatten. Im Juli 1944 stand van Megen erneut vor Gericht, nun wegen seiner führenden Rolle im Widerstand. Er wurde er zum Tode verurteilt. Und von nun an war er NN-Häftling, d.h. für seine Familie verschwunden, im Zuchthaus eine Nummer.

Entsprechend dem militärischen Vorrücken der Alliierten wurde er über mehrere Zuchthäuser immer weiter ins Innere Deutschlands verlegt. Am 2. November 1944 kam er mit einem Teil seiner Widerstandsgruppe nach Hameln. Dort waren die Bedingungen entsetzlich, das Zuchthaus dreifach überbelegt. Jeden Tag rechneten die Männer mit ihrer Verlegung nach Wolfenbüttel; dort stand die Guillotine, dort hätte man sie hingerichtet.

Ich lese aus dem Bericht eines Mithäftlings:

Wir waren 24 Gefangene in einem Raum, zwei Betten übereinander, Flöhe, Aussicht auf die Weser. Dort machte ich die Bekanntschaft mit Sef van Megen. Morgens betete Sef, was uns die nötige Kraft gab, auf die Befreiung zu hoffen. Das Essen wurde mit der Zeit ständig schlechter; es wurde nicht mehr geheizt. Wir hatten viel Halt aneinander. An meinem Geburtstag gab jeder ein kleines Stückchen von seinem Brot ab, so dass ich praktisch zwei ganze Scheiben hatte. Es war kein größeres Geschenk denkbar. – Ich magerte stark ab, bekam die Krätze.

Das Sterben von Jan Derks, bei dem ich die ganze Nacht gewacht hatte, machte einen unglaublich tiefen Eindruck auf mich. Von Zeit zu Zeit kam Pastor Jensen zu Besuch. Von ihm erfuhren wir etwas über das Fortschreiten des Krieges.

Am 3. April mussten wir uns für einen Transport fertig machen: nach Wolfenbüttel. Aber dann wurde Hameln bombardiert und auch der Bahnhof, und so kam es zum Glück nicht zu diesem Transport. Am 5. April (= der Tag, an dem die Amerikaner das westliche Weserufer von Hameln erreichten) wurde ein Transport von 400 Mann zusammengestellt. Es hieß: „Fertig machen“. Jeder kriegte zwei dünne Scheiben Brot, und dann begann der Zug.

Am Anfang blieb die Gruppe unter der scharfen Bewachung von SS und anderer Wachmannschaften zusammen. Irgendwann konnte Sef van Megen nicht mehr. Wir haben probiert, ihn auf einer Art Trage aus Ästen mitzunehmen. Aber er wollte nicht mehr und wurde am Rand der Straße abgelegt.

Soweit der Bericht des Mithäftlings.


Beim Dorf Wegensen suchten drei völlig erschöpfte Niederländer, unter ihnen van Megen, Unterschlupf in einem Weideschuppen. Ein Bauer informierte eine SS-Streife, welche die Drei an der Straße Halle-Bremke kurzerhand erschoss.

Am Straßenrand verscharrt, erhielten die Toten erst im Juni auf dem Friedhof von Dohnsen ein Grab.


Ein Freund sorgte 1946 eigenmächtig für die Überführung des Leichnams. Sef van Megen wurde in Broekhuizen im Rahmen einer großen Trauerfeier beigesetzt.

In Broekhuizen ist die Erinnerung an Sef van Megen an mehreren Orten lebendig, eine Straße wurde nach ihm benannt, eine Schule. Geehrt wurde er auch in Frankreich, Großbritannien, den USA. Auf Initiative eines Juden wurde in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ein Baum für ihn gepflanzt. Für die Familie ist das Leiden und Sterben ihres Angehörigen noch immer präsent. Sie hat früh, erstmals in den 1970er Jahren, Verbindungen nach Hameln und Dohnsen gesucht. Ich selbst halte seit 2001 den Kontakt, konnte Angehörige zweimal begleiten, als sie den Todesmarsch von Hameln bis zum Ort der Erschießung bei Wegensen nachgingen, Mitglieder der zweiten, der dritten und sogar der vierten Generation. Immer waren die Besuche getragen vom Bemühen um Versöhnung mit den Deutschen, die so viel Unheil in den Niederlanden angerichtet hatten.

Der Kontakt zur Familie von Sef war zugleich der Beginn meiner und Mario Keller-Holtes Arbeit über das Schicksal der vielen niederländischen Häftlinge im Zuchthaus Hameln. Zwei Aufenthalte in Broekhuizen konnte ich für Interviews nutzen.

Wer auf der Suche nach Spuren des Zuchthauses nach Hameln reiste, fand lange Jahre nichts, wo er hätte gedenken und trauern können. Seit 2005 gibt es die Tafel am Weserufer nahe dem Hotel Stadt Hameln, seit 2014 die Ausstellung „Bürger aus den Benelux-Staaten als NS-Verfolgte im Zuchthaus Hameln 1942-1945“, die in den Niederlanden und in Belgien an drei Standorten zu sehen war, seit 2018 diesen Erinnerungsort.

Wie lebendig das Gedenken an Sef van Megen heute in den Niederlanden ist, zeigt die Tatsache, dass er 2021 auf das nationale niederländische Ehrenfeld von Loenen umgebettet wurde. Drei Tage lang in diesem Sommer war ein Filmteam aus den Niederlanden in Hameln auf seinen Spuren unterwegs.

Sef van Megen ist nicht in Nacht und Nebel verschwunden. Er lebt in den Köpfen von Familie und Freunden weiter und heute auch in unserem Gedenken.

Übrigens: Bis heute kommen Angehörige von Opfern des Zuchthauses nach Hameln auf der Suche nach den letzten Spuren ihrer Väter und Großväter.


Bernhard Gelderblom


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