Eigener Kommentar: Bahnhof Hameln. „Wen kümmern schon schnöde Zahlen?“  – Zur Berichterstattung der DEWEZET am 16./18.12.2023.

#dewezetkorrektiv

Hameln, 18.12.2023: Heute ist Montag, ich habe mich jetzt zwei Tage ab und an gedanklich mit dem DEWEZET-Bericht vom Samstag über den Hamelner Bahnhof beschäftigt. Bevor ich dazu etwas schreiben konnte, habe ich die DEWEZET von heute gelesen. Die Hägar-Karikatur verdeutlicht humorvoll den Wert „schnöder Zahlen“, das aber nur als Einstieg: Die Montagsausgabe vom 18.12.2023 zeigt, dass es guten, faktenbasierten wie persönlichen Journalismus gibt und dass die Zeitung Themen besetzten kann, die man sonst nicht mitbekommt. Mit ersterem meine ich den Bericht von Herrn Henke über die Preise auf dem Weihnachtsmarkt.

Kein „Wutbericht“ über Inflation und Teuerung, sondern ein persönlich geschriebener Vergleich vom Einkaufsbummel seiner Familie letztes und dieses Jahr. Überraschung, die Teuerungsrate für den Familienbesuch hält sich in Grenzen. Zumindest ist es nicht so, wie der gefühlte Eindruck ohne konkreten Vergleich vermuten lässt. Noch spannender fand ich den Bericht von Jens Spickermann „Wie lauter Probleme angepackt werden. Über einen Schultag an der Hamelner Klütschule.“ Es ist wertvoll, dass die Zeitung sich die Zeit nimmt, die Situation vor Ort anzusehen und zu berichten. Ich finde es beeindruckend, was die Menschen dort leisten. Gut einmal zu lesen, was der Staat Positives leistet/finanziert, damit unsere Jugend einen guten Start hat.


Diesen konstruktiven Journalismus anerkennend jetzt eine persönliche Bewertung zum Thimm-Journalismus in der Samstagsausgabe. Dieser Beitrag ist für mich beispielgebend für destruktiven Kritikjournalismus. Für Vermischung von Kommentar und Bewertung im Berichtsartikel, für Seitenhiebe und unsachliche Empörung.  Für diejenigen, die den Bericht nicht gelesen haben hier eine Zusammenfassung:

Schlagzeile / Ankündigung auf der Titelseite der Samstagsausgabe: „Bahnhof Hameln: Schlägereien, Pöbeleien, Alkohol, Drogen – Unangenehme Situationen für Pendler und Besucher – Mehr auf Seite 9“. Dazu ein Nachtbild vom Bahnhof, zwei Personen verdeckt hinter einer Leuchtsäule stehend. Sonst menschenleer. Dann Lokalseite eins im Hameln-Teil: Foto von einem Polizeifahrzeug vorm Bahnhof, hinter dem Wagen eine gepixelte Jugendgruppe. Schlagzeile: „So mies ist es am Bahnhof Hameln. Schlägereien, Pöbeleien, Alkohol, Drogen – eine Pendlerin erzählt“. Bildunterschrift: „Immer wieder Gewalt und unschöne Szenen am Hamelner Bahnhof.“

Den „Berichtsartikel“ beginnt Hamelns stellvertretender Chefredakteur mit der wohl persönlichen Wertung, dass Hamelns Bahnhof ein „Ort des Schreckens, der Gewalt und der Antipathie“ sei. Immer wieder müsse die Polizei anrücken und der Sicherheitsdienst schlichten. Es gäbe zu viele Schläger und Pöbler, zu viel Gewalt und zu viel Drogenhandel.

Es folgt die Pauschalbehauptung, dass Bahnhöfe nicht immer zu den schicksten Adressen einer Stadt gehören, Besucher in Hameln in schlechter Regelmäßigkeit Zeuge von Prügeleien werden, …

Dann kommen die „Fakten“: Eine Körperverletzung unter Jugendlichen Anfang der Woche, dann eine Körperverletzung Ende August, zuvor eine „Massenschlägerei“ unter zwei „Mädchen-Gangs“, zwei Wochen davor habe eine Person am Bahnhof auf „dicke Hose gemacht und mit einer Pistole herumgefuchtelt“.  Viel Fälle aus den letzten viereinhalb Monaten. Es folgt eine Schilderung angeblich zahlreicher kleinerer Pöbeleien, lauthals brüllende Ausraster und böse dreinschauender Dealer-Grüppchen, zwischen die man sich durchzwängen müsse.

Reisende, die mit der Bahn ankommen, werden durch jugendliche Banden, die mit 20 bis 30 Personen Alkohol trinkend vor den Bahnhof herumlungern, begrüßt.  …  Die nachfolgenden Beschreibungen dürfte Herr Thimm nicht persönlich gemacht haben, er hat sie sich von einer Frau schildern lassen, die täglich pendelt. Eine Beschreibung mit übelriechenden Nebeneffekten inklusive.

Am Ende folgt dann der Aufruf: Die Zeitung will den Zustand des Bahnhofs weiter zum Thema machen. Leser, die dazu etwas zu sagen haben, mögen Herrn Thimm persönlich anschreiben unter: t.thimm@dewezet.de

Und dann ist da noch der Kommentar des Berichteschreibers: „Keine Visitenkarte – Politik, Rathaus, Polizei gefragt“. Hier verknüpft die Chefredaktion zunächst die „Tatsache“, dass Bahnfahren alles andere als vergnügungssteuerpflichtig sei (Zugausfälle, Verspätungen) mit der Wiederholung der im Bericht beschriebenen Behauptungen und der Unterstellung, dass Hamelns Bahnhof links liegengelassen werde. Seitenhieb noch auf die Verwaltung, die sich eher mit bunten Möbeln in der Fußgängerzone und im Winter exakt hängenden Tannenzweigen beschäftige.

So die Kurzfassung.  Jetzt die Bewertung:

  1. Die Trennung von Bericht und Kommentar gaukeln eine formale Sachlichkeit vor, die nicht gegeben ist. Der Bericht ist eine deutlich persönliche Wertung des Schreibers und keine neutrale Schilderung eines Sachverhaltes.
  2. Der Verfasser übernimmt als Tatsachenmeldung die subjektive Schilderung einer Pendlerin und malt ein „Horrorbild“ vom Bahnhof. Hinterlegt mit vier Straftaten in viereinhalb Monaten.
  3. Es ist nicht feststellbar, dass der Verfasser abseits der subjektiven Schilderungen bei anderen Verantwortlichen nachgefragt/recherchiert hat. Welche Zahlen die Polizei angibt, was der Sicherheitsdienst bzw. die Stadtwerke dazu sagen, bleibt dem Leser unbekannt.
  4. Ich bin jede Woche im Bahnhof. In der geschilderten drastischen Art kann ich die Situation nicht bestätigen. Ja, es gibt dort Jugendliche und auch „Stadtstreicher“. Es ist ein Bahnhof, da sammeln sich Menschen. Ja, der Fahrstuhl im Tunnel riecht oft richtig übel, wurde aber zumindest am Freitag frisch gereinigt. Solche Probleme gibt es nicht nur in Hameln, auch in Hannover, Osnabrück, Löhne, Herford, Elze…  Ich meine, dass eine Straftat im Monat an einem Sammelpunkt vieler Menschen keine Gefahrenlage ist, die objektiv die Schlagzeile/Aufmachung des Themas in der Zeitung rechtfertigt. Auch wenn jeder Einzelfall schlimm ist.
  5. Sicherheitsgefühl ist immer subjektiv. Das sagt schon der Name, und die Pendlerin, die sich an die Zeitung gewandt hat, ist bestimmt verärgert / besorgt. Nachfragen und Recherchen sind also geboten, das ist Aufgabe der Medien. War Herr Thimm im Bahnhof, um sich selbst ein Bild zu machen? Da gibt es Menschen, die dort täglich arbeiten. Was sagen die? Was sagen andere Pendler? Gilt nicht der journalistische Grundsatz, dass eine Quelle als Informationsgrundlage nicht reicht? Kein Hinweis auf diese Fragen im Artikel.
  6. Die Wertung einer Chefredaktion sollte m.E. erst dann erfolgen, wenn mehrere Recherchen / Quellen ein gleiches Bild schildern. Davon ist im Thimm-Bericht nicht genug zu lesen. Wer so schnell ein so krasses Urteil fällt, braucht nicht mehr andere um ihre Meinung fragen. Für mich ist das der eigentliche Skandal des Samstags. Schlagzeilen im Bildzeitungsstil und irgendwie schwebt für mich im Raum, dass es auch darum geht, den Verantwortlichen was am Zeug zu flicken.
  7. Zu guter Letzt, die Situation im Bahnhof ist nicht leicht. Kommerzielle Vermietung ist schwierig, wie der Leerstand zeigt. Die Stadtwerke aber mühen sich redlich. Das  ZEDITA-Team, die Ehrenamtlichen rund um den Markt alter Bücher, die stets sehr freundlichen Mitarbeiterinnen im Bäckereiladen, all diesen Menschen ist mit dieser Art von Journalismus nicht geholfen.

Ralf Hermes, 18.12.2023


Bezug:

  1. Lesenswert positiver Bericht „Weihnachtsmarktpreise“ von Herrn Henke online als Beitrag für Abonnenten: https://www.dewezet.de/lokales/hameln-pyrmont/hameln/weihnachtsmarkt-hameln-was-zahlt-eine-familie-2023-im-vergleich-zu-2022-6JBFPJUTWZA2BNTHTSL2FEMTTE.html
  2. Lesenswert positiver Bericht „Das Beispiel Klütschule zeigt…“ von Herrn Spiekermann online als Beitrag für Abonnenten: https://www.dewezet.de/lokales/hameln-pyrmont/hameln/ein-schultag-an-der-hamelner-kluetschule-wie-lauter-probleme-gemeistert-werden-sollen-OWK5IJG7LBCK3KN4WGJU5VUJRU.html
  3. Bericht „Gewalt am Bahnhof“ von Herrn Thimm online als Beitrag für Abonnenten: https://www.dewezet.de/lokales/hameln-pyrmont/hameln/bahnhof-hameln-schlaegereien-poebeleien-alkohol-drogen-boese-worte-7NKZ5IESDBB2XMXNS5766Z5WA4.html

Kommentar „Das ist keine Visitenkarte – kümmert euch drum“ von Herrn Thimm als kostenfreier Beitrag: https://www.dewezet.de/lokales/hameln-pyrmont/hameln/das-ist-keine-visitenkarte-kuemmert-euch-drum-O7V5BI53GFC4JD7Q4KKTQJER2I.html



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