Hameln, 22.05.2026: Am 19. Mai 2026 hatte die VHS Hameln im Rahmen der Veranstaltungsreihe „IMPULS“ zu einer Buchgespräch mit dem Autor Harald Welzer eingeladen. Es ging um das Buch „Das Haus der Gefühle“. Hier ein Bericht von Dr. Martin Lücke über den Verlauf des Abends:
Harald Welzer spricht schnell, pointiert und mit sichtbar geübter Leichtigkeit. „Ich kann klug reden“, sagt er irgendwann selbstironisch über sich selbst – und das Publikum in der bestuhlten Sumpfblume lacht. Rund zwei Drittel der Plätze sind besetzt, überwiegend mit Zuhörerinnen und Zuhörern zwischen 50 und 70 Jahren.
Eingeladen hatte die Volkshochschule gemeinsam mit der Sumpfblume zur Lesung aus Welzers aktuellem Buch „Das Haus der Gefühle“. Darin beschäftigt sich der Sozialpsychologe mit einer Frage, die aktueller kaum sein könnte: Warum geraten Demokratien unter Druck – und welche Rolle spielen Gefühle dabei?
Welzers zentrale These des Abends: Politik funktioniere nie allein über Fakten. Menschen handelten emotional, nicht rein rational. Gefühle seien nichts Nebensächliches, sondern Grundlage gesellschaftlicher Bindung. Demokratie brauche Vertrauen, Zuversicht und das Gefühl von Sicherheit. Die politischen Ränder wären deutlich besser darin die Gefühle der Menschen anzusprechen.
Dabei bleibt der Abend trotz der großen Themen oft eher leicht. Welzer erzählt von Menschenaffen und ihrem gegenseitigen „Grooming“, also sozialer Pflege als Grundlage von Gemeinschaft. Er spricht über Smalltalk – jenes oft belächelte kurze Gespräch an der Supermarktkasse oder vor Veranstaltungsbeginn. Smalltalk, sagt Welzer sinngemäß, diene nicht dem Austausch von Informationen, sondern von Emotionen. Für einen kurzen Moment entstehe Beziehung, ohne unmittelbaren Zweck oder Nutzen.
Besonders eindringlich wird der Vortrag dort, wo Welzer über analoge Räume spricht. Die digitale Welt bilde reale Gesellschaft nur unzureichend ab. Gerade deshalb brauche es Orte der unmittelbaren Begegnung. Orte, an denen Menschen einfach zusammenkommen können, ohne Algorithmus, Kommentarspalte oder Empörungsdynamik. Er sei nicht in sozialen Netzwerken. Es sei Ihm egal, was jemand online über ihn sage. Dass diese Gedanken ausgerechnet in der Sumpfblume formuliert werden, einem seit Jahrzehnten etablierten Kulturort in Hameln, verleiht der These zusätzliche Resonanz.
Die Volkshochschule hatte sich für die Fragerunde eine unkomplizierte Idee überlegt: Auf den Plätzen lagen Bierdeckel und Stifte bereit, über die Fragen eingereicht werden konnten. Das funktionierte erstaunlich gut und sorgte für einen geordneten Austausch. Inhaltlich kreisten viele Fragen um den Zustand der Demokratie, gesellschaftliche Polarisierung und die Schwierigkeit, wieder stärker miteinander ins Gespräch zu kommen.
Dennoch blieb der Abend stellenweise abstrakt. Viele Antworten wirkten routiniert, manche Antworten hörten sich an, als seien ihm die Fragen bereits dutzendfach gestellt worden. Konkrete lokale Bezüge entstanden kaum. Gerade darin lag vielleicht die kleine Enttäuschung des Abends: Die Gedanken über Gemeinschaft, Begegnung und demokratische Kultur hätten sich problemlos mit aktuellen Entwicklungen vor Ort verbinden lassen – etwa mit der Frage, welche Räume des Austauschs eine Stadt wie Hameln heute eigentlich noch bietet.
Und dann war da noch die Sache mit dem Fassbier. Zwar stand es auf der Karte, ausgeschenkt wurde es an diesem Abend aber nicht. Eine kleine Randnotiz vielleicht – und doch fast passend zum Thema des Abends. Denn manches lässt sich eben nicht digital ersetzen oder zu Hause reproduzieren. Ein frisch gezapftes Bier gehört vermutlich dazu.
Am Ende verabschiedete sich Welzer mit der Aufforderung, miteinander im Gespräch zu bleiben. Bleiben könne er selbst allerdings nicht mehr: Der Zug nach Berlin wartete bereits, so die Moderatorin von der Volkshochschule.
In Erinnerung bleibt ein interessanter Abend mit klugen Gedanken über Demokratie, Gefühle und gesellschaftlichen Zusammenhalt – auch wenn man sich stellenweise gewünscht hätte, dass aus den großen Thesen noch etwas mehr konkrete Nähe entsteht.
lücmar, 22.05.2026



