70 Jahre Rotarier Hameln – ein Blick auf die Anfangsgeschichte des Netzwerkes prominenter Hamelner Bürger

Hameln, 15.05.2026: Am 25.04.2026 veröffentlichte die DEWEZET einen Beitrag über das 70-jährige Bestehen des Hamelner Rotary Club. Der Bericht beschreibt mit dem Schlagwort „Selbstlos dienen“ die Ziele des Clubs: „Es geht aber nicht nur darum, sich für Schwächere und Benachteiligte einzusetzen. Das eigene Handeln ist einem hohen Ethos verpflichtet. Vier Fragen sollen dabei helfen, das Denken, Reden und Handeln eines Rotariers auszurichten: Ist es wahr? Ist es für alle Beteiligten fair? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten gerecht?“

Dann folgt der Blick auf das Jahr 1956 und genannt werden zwei Rotarier als Gründer der Hamelner Gruppe:

  • Gründungspräsident Dr. jur. Otto Müller-Gastell, Geschäftsführer der Besmer-Teppichfabrik und
  • Dr. rer. pol. Fritz-Herbert Wolff, Inhaber der Brauerei Brecke und Förster Hameln

Im Juni 2026 ist eine international besetzte Feier mit Ehrengästen aus der Türkei, Bulgarien und Südafrika geplant.


Ich bin über das Fehlen eines Namens aus der Gründungszeit gestolpert.  

  • Dr. Otto Müller-Haccius, 1949 zum Geschäftsführer der IHK Hannover berufen und zugleich Syndikus der Arbeitsgemeinschaft der Unternehmer (AdU) im Weserbergland. Ab 1961 für die CDU im Rat der Stadt Hameln und am 1963 Mitglied des Nds. Landtages. 1981 zeichnete der RC Hameln dieses Gründungsmitglied mit dem Ehrenpreis der Rotarier als „Paul Harries Fellow“ aus.

Der Name und die Verbindung zu den Rotariern (zu den Freimaurern Hameln übrigens auch) ist mir durch einen Beitrag von Bernhard Gelderblom über die „zwei Leben“ der Dr. Otto Müller-Haccius bekannt. In der NS-Zeit war M-H tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus involviert.

Neugierig geworden begann ich zu recherchieren. Im Archiv der DEWEZET haben sich über die vergangenen 70 Jahre eine ganze Reihe interessanter Beiträge zu den Rotariern angesammelt. Das in den vergangenen 70 Jahren geleistete Wohltätigkeits-Engagement des Clubs ist beeindruckend.


Im Stadtarchiv Hameln fand ich ergänzend eine Dokumentation aus dem Jahre 1996 „40 Jahre Rotary Club Hameln“.

Auszug aus dem Gründungstext: „Unterstützt wurde der Gründungspräsident Otto Müller-Gastell kräftig von Männern wie Otto Müller-Haccius, Curt Bennefeld und dem späteren Gründungsekretär Fritz-Herbert Wolff.

Die Gründungsversammlung fand am 27.03.1956 in Thiemanns Hotel mit 23 Mitgliedern statt.

Folgende Funktionen wurden vergeben.

Präsident:          Otto Müller-Gastell (Geschäftsführer der Besmer Teppichfabrik GmbH)

Vizepräsident:     Otto Müller-Haccius (Hauptgeschäftsführer der AdU (Arbeitsgemeinschaft der Unternehmer))

Sekretär:           Dr. rer. Pol. Fritz-Herbert Wolff (pers. haftender Gesellschafter der Brauerei Förster  Brecke KG)

Schatzmeister:    Dr. phil. Robert Stadler (Betriebsleiter der Maggi-Gesellschaft Gmbh)

Clubmeister:       Theodor Günther (pers. haft. Gesellschafter der Theodor Günther KG)

Jugenddienst:      Dietrich Grönemeyer (pers. haft. Gesellschafter der Casala-Werke Lauenau)

Vorstandsmitgl. A:           Prof. Dr. med. Carl Wilh. Lohmann (Röntgenfacharzt)

Vorstandsmitgl. B:           Dr. med. Friedrich Müller (Kinderfacharzt)

Vorstandsmitgl. C:           Dr. jur. Ernst Bury (Rechtsanwalt und Notar)

Vorstandsmitgl. D:           Hans Lenze (pers. haft. Gesellschafter der Maschinenfabrik Stahl-Kontor Weser GmbH)

Weitere Gründungsmitglieder:

  • Erich Bunge (Besitzer des Gartenbaubetriebs Alteburg)
  • Dr. jur. Curt Bennefeld (Landgerichtspräsident am LG Bückeburg)
  • Dipl.-Ing. Karl Heinrich Heller (Teilhaber und Geschäftsführer der Aerzener Maschinenfabrik)
  • Dr. Dr. Wilhem F.K Guderjahn, von 1949 bis 1961 Leiter der Handelslehranstalt Hameln
  • Günter Niemeyer (Mitinhaber und Leiter der C.-W. Niemeyer Buchdruckerei und Zeitungs-Verlag)
  • Dr. med. Eberhard Fischer, Arzt
  • Willi Jäckel (Direktor der Wesermühlen Hameln, Kampffmeyer)
  • Rudolf König (Prokurist Reese Ges. mbH Nährmittefabrik)
  • Wilhelm Krisch (Bergassistent a.D./Grubenvorstand Humbold-Thüste)
  • Dr. Jur. Wolfgang Mertens (Vereinigte Wollwarenfariken gmbH)
  • Wilhelm Mesch (Direktor Elektrizitätswerk Weserthal)
  • Dr. rer.pol. Wilhelm Scheel (Inhaber und Geschäftsführer der Jahn + Co. GmbH Hameln und Berlin)
  • Dr. Ing. Wilhelm Ziegenbein (Fabrikdirektor AEG Zählerwerg)

Am 29.04.1956 erfolgte die Aufnahme in den Rotary Club International. Am 30. Juni 1956 fand die Aufnahmefeier im „Kleinen Haus“ der Weserbergland-Halle statt. Da der Präsident erkrankt war, übernahm in „hervorragender Manier“ Otto Müller-Haccius die Begrüßung.


In den ersten Berichten der DEWEZET prominent genannte Personen zählten:

  • Dr. Theodor Parisus, Hannover
  • Dr. Franke-Stehmann, Hannover
  • Christian Jenssen, freier Schriftsteller – Referent 1963 in Schwöbber
  • Oberstudienrat Dr. Martin Schmidt, Schillergymnasium
  • Günter Graumann, Oberkreisdirektor Hameln-Pyrmont

In dem eingangs genannten DEWEZET-Bericht vom 25.04.2025, Autorin ist die ehemalige Leiterin des Museum Hameln Frau Dr. Gesa Snell, wird angesprochen, dass sie die vor 1933 gegründeten Rotary Clubs wie der 1932 gegründet Club Hannover den Bestimmungen der NSDAP anpassten. So wurden den Nazis unliebsame Mitglieder ausgeschlossen und diskriminiert. Bald danach beschlossen die Deutschen Clubs die Selbstauflösung.

Die Rotarier aus 13 Clubs in Deutschland haben sich ab 2016 zu einem Projekt zur systematischen Aufarbeitung der Rotary in Deutschland 1920 bis 1960er Jahre entschlossen. Die Ergebnisse können auf der Internetseite

https://memorial-rotary.de/ eingesehen werden.


Sucht man dort zu Hameln, findet man unter Dokumente den Bericht von Bernhard Gelderblom: „Die zwei Leben des Dr. Otto Müller-Haccius, Regierungspräsident im NS-„Gau“ Steiermark und im NS-„Gau“ Ostoberschlesien und SS-Oberführer, Syndikus der Arbeitsgemeinschaft der Unternehmer im mittleren Weserraum (AdU) und für die CDU im Rat der Stadt Hameln sowie im niedersächsischen Landtag.“ Veröffentlicht im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte 93, 2021, S. 239-285 (Link)

Auf 27 Seiten findet man hier die Geschichte des Lebens von Dr. Otto Müller-Haccius herausgearbeitet.

Auszug Wikipedia: Otto Richard Müller-Haccius * 21. September 1895 in Nienburg/Weser; † 7. Mai 1988 in Hameln) war ein höherer Verwaltungsbeamter, der ab 1933 als SS-Oberführer und deutscher Regierungspräsident in Graz und Kattowitz an der Ermordung und Deportation von Juden, Roma und Widerstandskämpfern mitwirkte und als Unterstützer des NS-Regimes offiziell bestätigt wurde.

Auf der Historienseite der Rotarier ist über die anderen Gründungsmitglieder des Hamelner Clubs nichts weiteres zu finden. Auch die Recherche im Archiv der DEWEZET ergibt keine Hinweise auf eine nachträgliche Befassung mit dem Wirken der Mitglieder in der NS-Zeit.


Ein Abgleich der Personaldaten der Hamelner Gründungsmitglieder mit der mittlerweile verfügbaren NS-Mitgliederdatei ergab, dass bei neun der 23 Gründungsmitgliedern und bei fünf weiteren in der DEWEZET genannten Rotarier-Akteuren der ersten Stunden eine NSDAP Mitgliedschaft recherchierbar ist.

Es handelt sich um:

  1. Den Präsidenten Otto Müller-Gastell (Geschäftsführer der Besmer Teppichfabrik GmbH) (Eintritt 1.6.1940, Mitgliedsnummer 7.647.583)
  2. Den Vizepräsidenten Otto Müller-Haccius (Hauptgeschäftsführer der AdU (Arbeitsgemeinschaft der Unternehmer) (Eintritt 1.05.1933, Mitgliedsnummer. 2.171.765)
  3. Den Clubmeister Theodor Günther (pers. haft. Gesellschafter der Theodor Günther KG) Eintritt 1.10.1932, Mitgliedsnummer: 1.345.249)
  4. Vorstandsmitgl. A: Prof. Dr. med. Carl Wilh. Lohmann (Röntgenfacharzt) (Eintritt 1.04.1932, Mitgliedsnummer 1.067.800)
  5. Vorstandsmitgl. D: Hans Lenze (pers. haft. Gesellschafter der Maschinenfabrik Stahl-Kontor Weser GmbH) (Eintritt 1.3.1940, Mitgliedsnummer 7.519.371)
  6. Gründungsmitglied: Erich Bunge (Besitzer des Gartenbaubetriebs Alteburg) (Eintritt 1.5.1933 – Mitgliedsnummer 3.114.573)

Gründungsmitglied:  Dipl.-Ing Karl Heinrich Heller (Teilhaber und Geschäftsführer der Aerzener Maschinenfabrik) (Eintritt 8.71937, Mitgliedsnummer: 4.789.937)

  • Gründungsmitglied: Dr. Dr. Wilhem F.K Guderjahn, von 1949 bis 1961 Leiter der Handelslehranstalt Hameln (Eintritt 1.5.1933, Mitgliedsnummer 1.907.279)
  • Gründungsmitglied: Günter Niemeyer, (Mitinhaber und Leiter der C.-W Niemeyer Buchdruckerei und Zeitungs-Verlag) Eintritt 1.5.1937-25.08.1939 (eigene Angaben)
  • Mitglied: Oberstudienrat Dr. Martin Schmidt, Schillergymnasium, (Eintritt 01.02.1931, Mitgliedsnummer 4.205.75)
  • Mitglied: Günter Graumann, Oberkreisdirektor Hameln-Pyrmont (Eintritt 14.10.1939, Mitgliedsnummer 7.334.056)

Von den Referenten bzw. Unterstützungskräften des RC Hannover waren folgende Personen in der NSDAP:

  • Dr. Theodor Parisus, Hannover (Eintritt 1.5.1933, Mitgliedsnummer 1.989.2129)
  • Dr. Franke-Stehmann, Hannover (Eintritt 1.5.1937, Mitgliedsnummer 4060498)
  • Christian Jenssen, freier Schriftsteller – Referent 1963 in Schwöbber (Eintritt 14.11.1937, Mitgliedsnummer 5615865)

Was bedeutet nun dieses Wissen?

Zunächst einmal überrascht die Verquickung der NSDAP in die Bereiche der Hamelner Wirtschaft nicht. Spätestens ab 1933 gab es diese mit allen Teilen der Gesellschaft. Zudem gilt es in jedem Einzelfall zu differenzieren, wann der Eintritt in die NSDAP erfolgte.  Bei sieben der 14 bestätigten NSDAP Mitgliedern erfolgte der Eintritt 1933 und früher. Bei den anderen sieben ab Aufhebung der Aufnahmesperre ab 1937.

Man kann spekulieren, ob die „alten“ NSDAP-Mitglieder bei Gründung des RC Hameln 1956 sich aus den Erfahrungen der NS-Zeit bewusst für einen „Gegenentwurf“ mit dem moralisch hohen Anspruch für die Rotarier entschieden haben – als quasi Wiedergutmachung der eigenen Schuld. Bei der Recherche im DEWEZET-Archiv wie auch in der Festschrift zum 40-jährigen Bestehen habe ich keine Hinweise mit Bezügen zur NS-Zeit, Bekenntnisse, Distanzierungen gefunden.

Möglich ist auch, dass sich die „mächtigen“ Männer der Stadt ein neues (altes) Netzwerk der Macht und des Austausches aufbauten.

Dieses aufzuklären, läge in Hand der Verantwortlichen der Rotarier-Organisation. Vom Hamelner RC (wie auch von der AdU Weserbergland) ist derzeit nicht bekannt, dass sie sich aktiv mit der Geschichte ihrer Mitglieder in der NS-Zeit auseinandergesetzt haben.

Wichtig für heute:

Unabhängig von der Geschichte vor 1945 ist die Position der Rotarier in Deutschland (wie auch im Weserbergland) zur aktuellen Gefährdung unserer Demokratie durch die rechtsextreme AfD von besonderer Bedeutung.

Auf der Internetseite rotary.de setzt sich Rudolf Steinberg in einem Beitrag vom 01.05.2022 mit der Überschrift „Offensichtliche Wertekollision“ damit auseinander. Eine Aussage in dem Beitrag lautet: „Es erscheint offensichtlich, dass sich diese Grundsätze (Anmerkung: „Toleranz gegenüber allen Völkern, Religionen und

Lebensweisen“) mit den vom VG festgestellten Grundpositionen der AfD – ein ethnisch verstandener Volksbegriff, der Ausschluss von Fremden, eine ausländerfeindliche Agitation – nicht vereinbaren lassen.“

(Link zum Beitrag)

Lesenswert ist auf der Internetseite auch der Standpunkt „Haltung zeigen“ von Nicole Huber vom 01.11.2025. „Eine Mitgliedschaft in Rotary setzt die Anerkennung rotarischer Grundwerte voraus. Jedes gleichzeitige Bekenntnis zu extremistischen Positionen oder die Mitarbeit in entsprechenden Organisationen schließt dies aus.“ (Link zum Beitrag)

Vom Rotary Club Hameln habe ich bisher keine öffentlichen Aktivitäten zum aktiven Einsatz für die Kernwerte unserer Demokratie feststellen können.

Mag diese Ausarbeitung ein „Weckruf“ sein, daran etwas zu ändern.

(Siehe auch: „Das Schweigen der Unternehmer ist zu laut!“ Was macht eigentlich der AdU im Weserbergland?)

Mit freundlichem Gruß

Ralf Hermes, 15.05.2026


Anlagen: Zur Recherche wurden insgesamt 52 Zeitungsartikel aus dem Archiv der DEWEZT genutzt. Eine Vielzahl der Artikel behandelt die Übergabe gesammelter Gelder an unterstützungswerte Organisationen und Projekte. Bei Interesse kann das Gesamtdokument bei mir angefordert werden.



herral, 15.05.2026

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