Birnbaum weg

Hameln, 13.09.2020: Abschied

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Fontane, Theodor (5.10.1819-1898)


Es mag gute Gründe gegeben haben, den Baum zu fällen. Wie es für jede Baumfällung Gründe gibt. Das Ergebnis – wieder ein Baum weniger in unserer Stadt.

herral, 13.09.2020

2 Gedanken zu „Birnbaum weg“

  1. Guten Morgen,
    ich mag dieses Gedicht, denn es trifft den Nagel auf den Kopf.
    Wisst ihr denn ob es wirklich gute Gründe gibt warum jetzt ca. 260 Buchen an der Holtenser Landstraße gefällt werden sollen. Nach einem längeren Telefonat mit dem Stadtförster hieß es immer nur „das dient der Verkehrssicherheit, natürlich fällen wir auch nicht nur Bäume mit Trockenschaden.“ Auf meine Frage ob es sich um reine Profitgier handelt, da aufgrund des Borkenkäfers ja nicht mehr mit den Fichten das Geld verdient werden kann und daher ev. die Buchen vermarktet werden wurde sehr ungehalten reagiert. Ich würde mich freuen wenn ihr dazu mehr in Erfahrung bringen könnt. Vielen Dank

    1. Guten Morgen, ich hatte schon vor längerem mit dem Hamelner Förster ein Gespräch. Die gleiche Situation wie an der Holtenser Landstraße haben wir auch auf der Zufahrt zum Klüt. (Siehe Bericht.) Auch ich habe zu der Intensität der Maßnahmen – meine Bauchschmerzen. Am Klüt hatte ich nach dem Ortstermin für mich Klarheit, dass wirklich ein ernstes Problem vorliegt. Die Schäden der Bäume sind auch für mich als Laien so deutlich sichtbar, das einem wegen des Zustandes des Waldes wirklich unwohl werden muß. Auch hatte ich das Gefühl, dass der Förster mit dem Thema nicht leichtfertig umgeht. Er hat halt nach der Rechtsprechung die Verantwortung wenn etwas schief geht. M.E. haben hier tragische Einzelfälle zu einer Entwicklung geführt, die nicht gut ist. Wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, bestimmte Risiken auch zu tragen, dann müssen wir von der Landschaft wir wir sie zumindest in Teilen noch haben Abschied nehmen. Es ist ein schleichender Prozess, aber ein grundlegender. Schauen wir doch einfach mit offenen Augen in unsere Landschaft und in die Straßen unserer Stadt. Die Anzahl der Bäume singt deutlich. Insofern ist jeder, der das kritisch hinterfragt wichtig.

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