Der AfD Plakatwahlkampf in Hameln hat begonnen.

Hameln, 08.08.2020: Am Sonntagmorgen wurden sie aufgehängt. Eine Vielzahl unterschiedlicher AfD-Plakate entlang der Pyrmonter Straße und der Münsterbrücke.

Dazu einige persönliche Gedanken:

Vorbemerkung: Ich habe viele Jahrzehnte die überparteiliche Arbeit als Leitprinzip gehabt. Man muss mit jedem sprechen, egal ob Linke, FDP, Grüne, SPD oder CDU. Manche sind einem persönlich näher, manche nicht. Die Demokratie lebt vom Miteinander, dem Kompromiss und dem Austausch.

Bei der AfD geht das nicht mehr. Diese Partei übernimmt zu viele Taktiken der rechtsnationalen Akteure, die in der Weimarer Republik zur Zerstörung der ersten deutschen Demokratie geführt haben. Die AfD verkörpert für mich negativen Populismus, krassen Egoismus und eine Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, die ich noch vor wenigen Jahren in Deutschland nur bei sehr wenigen Menschen für denkbar gehalten habe. Alles dunkle und schlechte im Menschen macht diese Partei wieder „hoffähig“. Für mich ist mit der Dominanz des „rechtsextremen Höcke-Flügel“ der Punkt erreicht, mich klar abzugrenzen.

Die aktuell aufgehängten Wahlplakate bestätigen mich in dieser Meinung.

Es kommt jetzt darauf an, ein Konzept zu finden, mit der AfD umzugehen, ohne über die „Stöckchen“ der Provokation und Grenzverletzung zu springen, die mit den Wahlplakaten jetzt vor unser aller Augen gehalten werden.

Eine Variante ist ignorieren. Die höchste Form der Missachtung. Aber durch Augenzumachen verschwinden die Plakate nicht. Ich versuche es deshalb mit einer Kurzbewertung der Sprüche auf den Plakaten und zur Taktik derselben.

Grundsätzlich: Angesprochen werden hier Gefühle. Es geht nicht um den Austausch von Sachpositionen. Gegen Bilder und Gefühle kann man sehr schwer sachlich anschreiben.

Hier jetzt erst mal die Sammlung der Plakate, damit es eine Informationsbasis gibt, über die gesprochen wird. Ich habe die Bilder bewusst mit dem Schriftzug „AfD Nein Danke“ gekennzeichnet, um klar meine Ablehnung zum Ausdruck zu bringen und einem „Missbrauch“ der Fotos vorzubeugen.

Jetzt zu den Sprüchen:

Kein Wohlstand ohne Mittelstand“ – Diese Aussage wird wohl jede andere Partei mit unterschreiben. Hier geht es einfach nur um Sympathiegewinn. Der Mittelstand aber ist nicht von ungefähr eine Zielgruppe der AfD. Die Angst vor dem Verlust des Wohlstandes ist es, der die Menschen in die Arme der AfD treiben soll. In der Weimarer Republik waren es die Mittelständler, die zuerst in die Reihen der Rechtsextremen wechselten.


Kinder machen Renten sicher. Familien fördern“ – Auch das ist ein vordergründig freundlicher, unstrittiger Spruch. Bei der AfD muss man aber berücksichtigen, dass es bei ihr um „deutsche“ Kinder geht. Die Partei malt nämlich gerne das Schreckgespenst der Überfremdung und Umvolkung an die Wand. Auch hier gibt es Parallelen zur Weimarer Republik. Damals ging es um Volksgenossen, als Abgrenzung zu allem, was nicht zum Volk gehört.


Leben in Freiheit“ – Wer will das nicht? Die Kombination mit dem Partybild aber zielt auf die Corona-Sicherheitsmaßnahmen und suggeriert Nähe zu den Querdenkerpositionen.


Berlin macht mehr Mist als unser Vieh. Fairness für Bauern“ Die platte Abwertung der Hauptstadt unseres Landes zum sympathiefischen für die Landwirte ist plumper Populismus.


Die Welt retten? Fangen wir mal mit Deutschland an.“ Hier geht es gegen die oft gescholtenen „Gutmenschen“. In einem globalen System ist nichts ohne weltweite Auswirkungen. Als Exportnation sollten wir das wissen. Aus der Ökologie kennen wir das schon lange. Hier geht es um Überhöhung auf der einen Seite und und eine (egoistische) nationale Botschaft auf der anderen Seite. Vordergründig logisch? Es gilt auch der Spruch „man kehre zunächst vor der eigenen Haustür“. Mache ich dort sauber, ist die Welt in Gänze auch ein kleines Stückchen sauberer. Insofern kann man Deutschland und die Welt gar nicht trennen. Wer das suggeriert, ist auf der Linie der Deutschnationalen der Weimarer Republik.


Geben Sie doch mal wieder Deutschland Ihre Stimme.“ Die AfD ist nicht Deutschland, suggeriert es hier aber. „Deutschland“ steht auf keinem Wahlzettel. Das Ganze ist stumpfer Quatsch mit Hintersinn. Die Gleichsetzung von AfD und Deutschland ist das Ziel, das Nationale zu betonen ist das Motiv.


Corona-Panik: Hände waschen. Nicht Hirne.“ Wer in Panik ist, handelt nicht rational. Hier wird Panik suggeriert, obwohl sie gar nicht da ist. Wo Hirne gewaschen werden, läuft was quer. Der Spruch ist so platt, dass er offenbart, dass die AfD die weltweite Corona-Problematik in ihren Risiken für betroffene Menschen rücksichtslos ignoriert und auf Stimmenfang bei den Querdenkern geht.


„Den Großen helfen, die Kleinen schließen?“ Hier geht es darum, Neid zu schüren. Die da unten gegen die da oben. Die Hilfen des Staates in der Corona-Krise sind vielfältig. Hier sollen Legenden geschaffen werden.

Ich liebe die Nacht. Aber nicht den Nachhauseweg. Für sichere Städte.“ Hier geht es darum Kriminalitätsfurcht zu schüren. Angst ist ein gutes Wahlmotiv, und unsichere Städte, Gewalt auf den Straßen – das ist immer ein gutes Motiv für Forderungen nach extremen Maßnahmen (und Parteien). Dagegen spricht, dass wir gerade derzeit eine extrem niedrige Kriminalitätsrate haben. In Hameln, wie auch in vielen anderen Städten, zeigt die Kriminalstatistik ein Sinken der Fallzahlen und eine sehr erfolgreiche Aufklärungsarbeit der Polizei. Angst zu suggerieren, darum geht es hier.



Anzusprechen ist noch die Masse und Größe der Plakate. Hier wird „geklotzt“ und nicht „gekleckert“. Jeder freie Mast wurde behängt. Das zeigt eine optische Wucht. Es ist aufdringlich, fast schon optisch brutal und eine indirekte Provokation. Man zeigt, wir hier können das, und wir haben auch das Geld, uns das leisten zu können. Es steht im direkten Kontrast zu den bisher fast dezenten Werbeaktionen der anderen Parteien – gerade auch auf Bundesebene.


Was fehlt? Nun, es sind bisher noch keine lokalen Wahlplakate der AfD im Stadtgebiet zu finden. Vielleicht kommen sie noch, vielleicht aber auch nicht. Insgesamt ist es auf lokaler Ebene sehr ruhig um die Partei, die im Bereich des Stadtrates Hameln gleich nach der letzten Kommunalwahl ihr Mandatsträger verloren hat.

Eins ist mir noch wichtig:

Plakate beschädigen, zerstören oder entwenden ist keine Option. So wenig mir die Plakate der AfD gefallen, in einer Demokratie muss man so etwas ertragen.


Soweit meine Wertung und Gedanken. Mag jede/r es bewerten wie er oder sie es will.

Ralf Hermes, Hameln am 08.08.2021

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