Dr. Müller-Haccius, Hameln – lokal geachtet und geehrt. Seine SS-Vergangenheit und Rolle im Osten wurde gedeckt. Es stellen sich Fragen.

Hameln, 12.12.2021: Es gibt in Niedersachsen eine im Nds. Landesarchiv ansässige historische Kommission, die zentrale Forschungsaufgaben zu interdisziplinären Fragestellungen der Geschichte des nordwestdeutschen Raumes erforscht. Sie publiziert wissenschaftlichen Ergebnisse u.a. in einem jährlich erscheinenden Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte. Diese seit 1924 herausgegebene Publikation beschäftigt sich in der neuesten Ausgabe mit einer einstmals sehr bekannten Hamelner Persönlichkeit. Ab Seite 239 ist der Beitrag „Die zwei Leben des Dr. Otto Müller-Haccius.“ von Bernhard Gelderblom veröffentlicht. Im Abstract heißt es:

Quelle: www.historische-kommission.niedersachsen.dedownload177273

Der Beitrag ist außerordentlich lesenswert. Das gesamte Buch ist im Wallstein Verlag erschienen und kostet 29 Euro.

https://www.wallstein-verlag.de/9783835339811-niedersaechsisches-jahrbuch-fuer-landesgeschichte.html

Die Inhalte wurden schon im Jahr 2015 im Rahmen eines Vortrages im Hamelner Forum und in Hannover im Rahmen einer Tagung der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten vorgetragen. Wesentliche Inhalte des Aufsatzes sind in einer älteren Fassung frei im Internet zu finden. Siehe PDF-Langfassung unter: http://www.geschichte-hameln.de/nstaeter/Omuellerhaccius.php

Zudem gibt es über die Person einen Wickipediaeintrag:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_M%C3%BCller-Haccius


Anerkennenswert ist, das die ADU damals mit den Anstoß für die Erforschung der Hintergründe gab. Hinweise auf die Person oder auch auf die Ergebnisse der Recherchen gibt es auf der Webseite des Arbeitgeberverbandes allerdings nicht. (https://www.adu.de/adu/geschichte.php)


Gibt man den Namen „Haccius“ in der Suche des Archivs der DEWEZET ein, so finden sich allein für den Zeitraum von 1960-1970 864 Treffer mit Berichten über das Ehepaar.

In längeren Beiträgen würdigt z.B. am 21. September 1960 die DEWEZET in einem Beitrag Dr. Müller-Haccius anlässlich dessen 65 Geburtstages. Dessen Verwendung in der Zeit von 1933 bis 1944 wird erwähnt, ohne allerdings auf dessen NSDAP-Mitgliedschaft und seinen Position als Standartenführer der SS mit den Rang eines SS-Oberführers einzugehen. Den Bericht schrieb ein freier Mitarbeiter. Chefredakteur war Dr. Kurt Dammann.

Dr. Müller-Haccius hatte persönlichen Kontakt zum Reichsführer der SS Heinrich Himmler und unterstützte aktiv dessen Endziel eines „großgermanischen Imperiums“. Als Regierungspräsident des Bezirkes Kattowitz in dem auch das Konzentrationslager Auschwitz liegt war Dr. Müller-Haccius u.a. auch für die Verfolgung und Erschießung von Widerstandskämpfern zuständig.- Dieses beschrieb er selber in einem Brief so: „Wir erschießen hier monatlich etwa 150 und nehmen 300 Banditen gefangen“. Bis zum Kriegsende zeigte er sich als fanatischer Nationalsozialist.

Am 20. Sept. 1975 veröffentlichte die DEWEZT anlässlich des 80. Geburtstages eine lange Laudatio auf den „Heimatvertriebenen“ und Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges, der im Zweiten noch einmal als Artilleriehauptman an der Westfront eingesetzt war. Der Laudator endet „Wer Dr. Otto Müller-Haccius seine hervorragendste Eigenschaft gleichsam als Prädikat zum Geburtstag verleihen möchte, könnte überlegen, daß der heute selten gewordene Begriff Demut sich sprachlich ableitet vom „Mut zum Dienen“. Otto Müller-Haccius bewies ihn ein ganzes Leben lang in allen Höhen und Tiefen dieses Jahrhunderts: Er ist ein demütiger Mensch.“


Die zusammengeführten Daten von Bernhard Gelderblom offenbaren ein ganz anderes Bild. Sie decken zudem einen dunklen Teil deutscher Nachkriegsgeschichte auf, der auch in Hameln stattfand. Das Decken der NS-Täter/Verbrecher und das Weiterarbeiten in alten NS-Strukturen. Dieses ist in Hameln noch kein klar benanntes Feld.

Es wird Zeit, dass sich alle Institutionen unserer Stadt ihren Tätergeschichten stellen.

Zusammenstellung vom 12.12.2021, Ralf Hermes

Nachtrag 13.12.2021:

Wolfhard F. Truchseß berichtete in der DEWEZET vom 23. September 2014 über den Sachverhalt. (https://www.dewezet.de/region/hameln_artikel,-verstrickt-in-nsverbrechen-_arid,648504.html)

Am 30. April 1981 wurde Herrn Müller-Haccius anlässlich des 25jährigen Bestehens der Hamelner Rotarier mit der einzigen und seltenen Auszeichung bedacht, die die Rotarier vergeben. Die Verleihung des Titel „Paul Harris Fellow“. (DEWEZET vom 02.05.1981).

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