Buchbesprechung/Rezension: „Verstrickt – Der Nationalsozialismus im alten Landkreis Springe“

Hameln, 18.10.2022 – Gastbeitrag von Bernhard Gelderblom:

Kai Witthinrich, VERSTRICKT – Der Nationalsozialismus im alten Landkreis Springe, Bad Münder 2022, Schriftenreihe des Museums Bad Münder Bd. 16, hrsg. vom Heimatbund Niedersachsen e.V., Ortsgruppe Bad Münder

Glaubt man den Erzählungen der Generation unserer Großeltern, war die Mehrheit der Erwachsenen alles andere als begeistert von der NS-Zeit und dem von Deutschland entfesselten Krieg. Ganz anders der Blick von Kai Witthinrich auf die Zeit. Er ist auch nach 80 Jahren immer noch erschüttert von der Frage, wie in zwölf Jahren geschehen konnte, was geschehen ist und was doch undenkbar war.

Er fragt deshalb nach den Mechanismen, die zu einer Gewöhnung an das System, zum Mitmachen und zum weitgehenden Verzicht auf Widerstand bis zum bitteren Ende führten. Er schaut auf die Ereignisse in den Familien, in der unmittelbaren Nachbarschaft, im Dorf, in der Kleinstadt und auf die Rolle von Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Presse und Kirche.

Mit dem alten Landkreis Springe hat sich der Autor eine ausgesprochen schwierige Aufgabe gestellt. Es ist kein Zufall, dass sich die große Mehrzahl der Versuche, die NS-Zeit lokal zu bearbeiten, auf Städte, ja Großstädte bezieht. Dort gab es vor allem aus der Arbeiterschicht stammende Widerstandsgruppen, die im bäuerlich-kleinbürgerlich geprägten Springer Land weitgehend fehlten. Die für dörflich-kleinstädtische Regionen typischen personalen Kontinuitäten verhinderten dazu, dass es in der Nachkriegszeit eine Aufarbeitung gab.

Um dieses höchst anspruchsvolle Vorhaben umzusetzen, reicht es nicht, auf Dokumente der staatlichen Verwaltung zurückzugreifen. Der Autor erschließt – ein großer Verdienst – auch die gesellschaftliche Ebene, indem er sich Zugang zu selten genutzten Archiven von Vereinen und der Kirchen verschafft. Reichlich nutzt er die heimischen Zeitungen, deren ständige Propaganda laut Autor eine Lebenswirklichkeit schuf, die für die Menschen zur „Normalität“ geworden war. Er recherchiert auch aus privaten Quellen wie Feldpost- und Kondolenzbriefen und – nach der Einstellung der NDZ – aus handgeschriebenen Todesanzeigen. Nach dem Aussterben der Zeitzeugen spielen Interviews für die Recherche naturgemäß keine Rolle mehr.

Fünf große Kapitel gliedern den umfangreichen Stoff in zeitlicher Reihenfolge: 1 Der Weg in die Diktatur, 2 Die „Machtergreifung“ 1933, 3 Der Alltag in der Diktatur, 4 Die Kriegsjahre; 5 Verleugnung und Verdrängung nach 1945. Jeder Zeitabschnitt wird in einzelne Themen und Unterthemen bis in kleinste Details unterteilt.

Der Rezensent könnte kein Thema von Bedeutung benennen, das der Autor nicht bearbeitet. Beispiele:

Für Konformitätsdruck und Begeisterung:

die eifrig vorgenommenen Straßenumbenennungen und allerorten gepflanzten Hitlereichen; die Änderung in der Berichterstattung der Zeitungen ab März 1933; die willige Unterwerfung von Landrat Mercker und zahlreicher Lehrer; Anbiederungen und Denunziationen, die das System stützten; die rassistische Kriegsrhetorik der Kriegerkameradschaften und Sportvereine; die vom Bildungsbürgertum im Heimatbund gepflegte Blut-und-Boden-Ideologie.

Für brutale Unterdrückungsmaßnahmen:

die Verhaftungen von SPD-Mitgliedern 1933 (mit Namensliste) unter maßgeblicher Mitwirkung des stellvertretenden Landrats Dr. Krüger; das mutige, aber erfolglose Einstehen von sieben Frauen aus Bakede für ihre inhaftierten Ehemänner; die schlimme Behandlung des jüdischen Lehrers David Lomnitz.

Für skandalöse Fakten:

die Auslieferung der evang. Jugendarbeit an die Hitlerjugend durch die evang. Kirche selbst und ihre vorauseilende Unterstützung der Zwangssterilisierung; die durch die Amtsärzte Boehncke und Meier exzessiv vorgenommenen Zwangssterilisierungen; die aus dem drastischen Rückgang der Anstaltspflegekosten von 1941 bis 1942 erschlossenen Euthanasiemorde.

Für die psychischen Belastungen des Krieges:

die Verrohung der deutschen Soldaten: „Wir hielten dann kräftig mit dem M.G. dazwischen.“; der Selbstmord eines Gefreiten während eines Heimaturlaubes bei seiner Mutter durch Erhängen.

Die ganz große Mehrheit der Menschen im alten Landkreis Springe war, so das Fazit des Buches für die Jahre 1933-1945, „unentrinnbar in das System verstrickt“.

Auch für die Nachkriegsjahre zeichnet Witthinrich ein pessimistisches Bild. Nur wenige fühlten sich von der NS-Herrschaft „befreit“, alle anderen hingegen gedemütigt durch den verlorenen Krieg und voller Angst vor der Zukunft und den Sanktionen der Siegermächte. Über Jahrzehnte herrschte Geschichtsvergessenheit. Der Autor diagnostiziert ein „Schweigekartell“, „eine schizophrene Mischung von latentem Schuld- und fehlendem Unrechtsbewusstsein“.

Die Summe des Buches ist schonungslos ehrlich, erschütternd, nicht selten deprimierend. Der Autor nennt die vollen Namen der Beteiligten.

Kai Witthinrich treibt eine klare Wertsetzung: „Die Wunden der Vergangenheit werden … nicht heilen, wenn sie nicht angesehen und versorgt werden.“ Er will nicht anklagen, nicht moralisch verurteilen, aber er verlangt von uns die Erinnerung an das begangene Unrecht und den erlittenen Schmerz. Damit sich Geschichte nicht wiederholen kann, will er das „Schweigekartell“ durchbrechen, will konkret nachvollziehen, wie sich „normale Menschen“ von populistischen Parolen einfangen ließen.

Der Stil des Buches ist knapp, konzentriert und präzise, die Sprache – und das ist eine besondere Stärke – immer verständlich. Dabei verfügt der Autor über ein sicheres historisches Hintergrundwissen, vermeidet es aber, die Darstellung mit Fachsprache zu belasten.

Trotz der Fülle an Material prägt die Darstellung eine zum Schluss hin sich steigernde unglaubliche Dynamik. Der Rezensent hat das Buch in einem Zuge gelesen.

Zahlreiche Tabellen fassen mit großem Rechercheaufwand erforschte Themenkomplexe übersichtlich und knapp zusammen und entlasten den mit 380 Seiten umfangreichen Text. Nur einen Punkt möchte der Rezensent kritisch anmerken: Ein Orts- und Personen-Register fehlt.

Viele Städte bzw. Regionen in Deutschland haben bis heute nicht einmal damit begonnen, ihre NS-Zeit aufzuarbeiten. Die Stadt Kempten hat jüngst ein solches Projekt beschlossen, das auf drei Jahre angelegt ist und 300.000 Euro kosten soll.

Wer ergreift die Initiative für einen Landkreis, den es gar nicht mehr gibt? Ein solches Buch, das jahrelange Recherchen voraussetzt, kann nur ehrenamtlich entstehen. Dem Autor und der Ortsgruppe Bad Münder im Heimatbund Niedersachsen als Herausgeberin sei Dank gesagt.

„Verstrickt“ ist eine Aufarbeitung mit Leuchtturmcharakter, „Heimatgeschichte“ im besten Sinne. Das Buch hat eine Verbreitung weit über den alten Landkreis Springe hinaus verdient.

Bernhard Gelderblom, Hameln


Beitrag unverändert übernommen, herral, 18.10.2022


Das Buch ist für 30 Euro ab Mitte Oktober im Museum Bad Münder, Kellerstraße 13 erhältlich und kann auch unter Telefon(05042) 6228 oder per E-Mail an info@museum-badmuender.de bestellt werden.


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