Zeitzeugenbericht Nr. 3: Existenzangst. Günter Bialkowski berichtet aus dem Ruhrgebiet nach 1950

Hameln, 13.07.2025: Eine Fortsetzung der Kindheits-/Jugendschilderungen von Günter Bialkowski zur Nachkriegszeit und der Situation im Ruhrgebiet:

Das Jahr 1967 war für mich und meine Heimatstadt GE (Gelsenkirchen) ein Schicksals-Jahr. Nach dem Krisenjahr 1966, kam es unter der Arbeiterschaft, den Bergleuten zu heftigen Reaktionen. Der Weltmarkt Steinkohle litt unter Überproduktion und unsere heimische Steinkohle war zu teuer, deshalb kam es zu drastischen Förderkürzungen. Mit anderen Worten es gab Feierschichten, weniger Lohn, weniger Zukunftsperspektive. Zwar dauerte die Kohlekrise schon etwas länger und die Montanbehörde in Brüssel und die Regierung in Bonn bezahlten den Arbeitern die Feierschichten, federten damit die Not der Familien etwas ab. Dennoch, infolge des gleichzeitigen Anreizes für Zechenschliessungen an Arbeitgeber die Kohleförderung zu drosseln, wurden immer mehr Pütz (Förderanlagen) dichtgemacht. Sie bekamen z.T. mehr Ausgleichszahlungen als sie mit der deutschen Steinkohle verdienen konnten. Dies führte zu weiterem Zechensterben. Ersatz-Arbeitsplätze standen nicht zur Verfügung. Selbst Handel und Geschäfte spürten die Stagnation der Gelsenkirchener-Wirtschaft. Es ging die pure Existenz-Angst um! Viele Familien mit Kindern standen plötzlich vor der Frage, wie soll es weitergehen? Dunkle Wolken standen über dem Revier, diese große Bergbau-Krise, sollte sich später zur Strukturkrise des Ruhrgebiets ausweiten. Ich hatte inzwischen meine Inge geheiratet und der kleine Frank war auch schon da. Das alles stand auf dem Spiel, ich musste mir was einfallen lassen. Doch der Reihe nach.

1950 hatte alles hoffnungsfroh begonnen. Der Wiederaufbau aus Trümmern und Traurigkeit verlief gar nicht so schlecht. Und auch mein Bayernbild verblasste langsam. Da ereignete sich auf der Zeche Dahlbusch die schlagende Wetter-Katastrophe und riss 87 Bergleute in den Tod. GE, NRW, ja die ganze junge Republik trug Trauer! Und dennoch GE hatte seine Tore weit geöffnet, viele Menschen kamen von überall her. Zechengesellschaften boten Jobs, Akkordlöhne und Unterkunft. Die Bauwirtschaft boomte. Die Hochöfen „Schalker Verein“ zwischen Ückendorf und Bulmke / Hüllen steigerten und erweiterten ihre Produktion. GE hatte schon vor dem Krieg Top-Adressen mit Weltruf. Sie alle hatten z.T. große Bombardierungen hinnehmen müssen, wie Gelsenberg mit den beiden Hydrierwerken in Hassel und Horst. Küppersbusch und die Drahtseilproduktion der Gute Hoffnungshütte im Stadtteil Schalke, wo auch der legendäre Fussballclub S 04 seine Heimstatt hat. In Ückendorf das Gussstahlwerk. Der Zechenverbund Rheinelbe-Alma-Holland, auch GBAG genannt, später RAG u.v.a.m. Auch ich hatte mit etwas Glück bei der Werksbahn Alma Anfang der 50er Jahre anlegen können. Habe mich hier in die Arbeitswelt der Schwerindustrie eingearbeitet, kam mit den Kollegen und der Maloche gut zurecht. Spürte – ich hatte Erfolg, entwickelte Verantwortungsgefühl beim Rangieren und auf der Strecke. In meiner persönlichen Entwicklung gibt es zwei Phasen die mich weiter brachten, zum einen war es die Zeit im Waisenhaus zum anderen waren es die Jahre hier – meiner Sozialisation und abschließenden Ich-Findung. Meine beiden Bergmannsbücher halte ich noch heute in Ehren.

Ich hatte inzwischen alle Dienste in der Werksbahn durchlaufen und abgeschlossen, inklusive Triebfahrzeugführer und Stellwerker eines elektro-mechanischen Stellwerks, wie es unser Stellwerk auf dem Betriebsgelände der Kokerei Alma, in der Luthenburg in Ückendorf vorhielt – entwicklungsmäßig war dies die vorletzte Stufe vor der Gleisbild-Technik. Ich erinnere mich noch stark an mein Gefühl damals oben auf dem Stellwerk, ich war stolz auf mich, hatte die Kurve gekriegt und war nicht kriminell geworden. Und dies nach dieser Kindheit in Bayern die keine Kindheit war, zumindest nach den Normen und Werten der bürgerlichen Gesellschaft. War ich nun wer, erwachsen geworden fragte ich mich, gehörte ich nun dazu, zu dieser sog. Mitte? Die in GE sehr dünn war. Es dominierte mehrheitlich die Arbeiterschaft und ich gehörte dazu. Sie hat GE groß und reich gemacht. Die Stadt hatte großes Steueraufkommen und investierte in den Wohnungsbau, Infrastruktur und Kultur. Das hypermoderne Musiktheater ist noch heute ein Beweis aus dieser Zeit! Als GE noch wohlhabend war und beträchtliche Summe über den Bundesfinanzausgleich auch an Bayern und Baden-Württemberg abführte.

Was ich aber damals schon spürte, war, dass sich gerade eine Veränderung ankündigte. Man konnte es jeden Tag in der WAZ lesen, im Fernsehen und in unserer Kaue beim Duschen hören. Mit den Zechen-Schließungen lösten sich unsere Träume von dauernder Sicherheit und ehrlicher Arbeit in Rauch auf. Und als die Schornsteine und Batterien der Kokerei Alma 1963 aufhörten zu qualmen waren wir vorgewarnt. Ich stand oftmals am offenen Fenster des Stellwerks schaute den ersten Abbruch-Arbeiten an den Hochöfen des Schalker Vereins, alias ThyssenKrupp zu. Uns allen drohte die Arbeitslosigkeit. Ich musste mich der ungewissen Zukunft stellen, das war ich meiner Inge und unserem kleinen Frankie-Boy schuldig. Nur wie – das wusste ich noch nicht.

Günter Bialkowski


herral, 13.07.2025

Vorheriger Bericht:

Ein Gedanke zu „Zeitzeugenbericht Nr. 3: Existenzangst. Günter Bialkowski berichtet aus dem Ruhrgebiet nach 1950“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.