Schwere Hungerunruhen im Landkreis Hameln-Pyrmont in den Jahren 1921 und 1923

Hameln, 30.06.2026: Ein Gastbeitrag von Bernhard Gelderblom.

Am 26. August 1921 bewegte sich ein Zug von Demonstranten aus dem Landkreis Alfeld von Duingen aus zu Fuß in die Dörfer des Landkreises Hameln-Pyrmont. In Weenzen beschlagnahmten die Männer einen Eisenbahnwaggon mit 300 Ztr. Getreide. In Thüste schlossen sich Arbeiter aus den Steinbrüchen an, in Wallensen waren es Männer aus der Braunkohlengrube in ihrer Bergmannskluft. Die Männer hatten sich mit Stöcken ausgerüstet und führten Schilder mit sich: „Wucherer/Schieber müssen an den Galgen.“

In ihren Reden, die sie auf den Dörfern hielten, waren Sätze zu hören wie: „Die Produkte auf dem Felde sind nicht nur für eine Klasse von Menschen gewachsen, sondern für alle.“ Einzelne Landwirte, die sie aus ihren Höfen schleppten, wurden geschlagen. Öffentlich mussten sie vor den versammelten Demonstranten erklären, dass sie in Zukunft nur die gesetzlichen Höchstpreise nehmen würden.

Die wenigen Polizisten, damals „Landjäger“ genannt, konnten gegen die Überzahl von Protestierenden nichts ausrichten. Auf bis zu 1000 Männer schätzten sie ihre Zahl, eine extrem hohe Menge und ein Hinweis auf die schwierige Situation, in der sich ein Großteil der Bevölkerung befand.

In den folgenden Tagen breiteten sich die Unruhen auf den Osten und Süden des Landkreises Hameln-Pyrmont aus: in Oldendorf, Hemmendorf, Benstorf und Lauenstein, aber auch in Tündern, Hagenohsen, Kirchohsen, Emmern und Bodenwerder gingen die Arbeiter auf die Straße. Derartige Hungerunruhen gab es damals in ganz Deutschland.

Hintergrund war die katastrophal schlechte Ernährungslage nach dem Ersten Weltkrieg. Sie betraf einseitig den zahlenmäßig starken ärmeren Teil der Bevölkerung. Spekulation und Wucher verschärften die ohnehin katastrophale Situation. Die Regierung versuchte gegenzusteuern, indem sie in die Preisgestaltung eingriff und Höchstpreise festsetzte. In Hannover richtete sie eine „Wucherzentrale“ ein.

Manche Landwirte brachte das jedoch auf die Idee, ihre Getreideernte ins Ausland zu verkaufen. Der Schmuggel von Lebensmitteln vor allem nach Holland blühte. Im Osnabrücker Güterbahnhof gab es daraufhin Razzien; Züge in das westliche Nachbarland wurden kontrolliert.

Auf den Dörfern trafen die scharfen politischen Gegensätze unmittelbar aufeinander: Hier die sozialdemokratische oder kommunistische Arbeiter- und Landarbeiterschaft – dort die oft welfisch oder deutschnational bis reaktionär gesinnten Organisationen der Landwirte.

Nachdem die rechtsradikalen Kräfte unmittelbar nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg stillgehalten hatten, ergriffen sie 1921 wieder die Initiative. Zum Fanal wurden die Morde an prominenten Politikern der Weimarer Republik. So ist es kein Zufall, dass einer der Redner der Demonstranten auf dem Gutshof der Domäne Hagenohsen die Hetzkampagne der Deutschnationalen brandmarkte, die zum Meuchelmord an Finanzminister Erzberger geführt hatte, wie die SPD-nahe Tageszeitung „Niedersächsische Volksstimme“ am 7. September 1921 berichtete.

Vertreter der von den Rechten verbreiteten „Dolchstoßlegende“ bezeichneten den Zentrumspolitiker Erzberger als „Novemberverbrecher“, also als einen der Schuldigen an Deutschlands Niederlage. Im Jahr 1921 wurde Erzberger von Attentätern der rechtsterroristischen Organisation Consul ermordet. Der Mord an Reichsaußenminister Walter Rathenau im Juni 1922 steigerte noch die Empörung auf Seiten der politischen Linken. Rathenau hatte die Aussöhnung mit den ehemaligen Gegnern betrieben.

Wie reagierte der Hamelner Landrat? In der Deister- und Weserzeitung warnte er am 24. August 1921 öffentlich vor Wucher mit Lebensmitteln und Preistreiberei. Beides sei eine schwere Gefahr für die Ernährung der Bevölkerung und den sozialen Frieden.

In einem internen Schreiben vom 27. August 1921 an den Landrat in Alfeld sprach er dagegen von einer „sogenannten Demonstration gegen den Wucher“. „Agitatoren“ missbrauchten die Erregung in der Bevölkerung über die zunehmende Teuerung. Er werde die „Rädelsführer“ ermitteln und jede Straftat wie Beleidigung, Bedrohung, Landfriedensbruch unnachsichtig verfolgen. Die Strafverfolgung gegen die Anführer der Demonstrationen sei im Gange.

Der Landrat vermutete hinter den Demonstrationen eine „planmäßige Leitung unter kommunistischer Führung“, also höchste Gefahr, einen bevorstehenden Staatsstreich. Jeden Tag könnten sich die Unruhen wiederholen. Leben, Gesundheit und Eigentum der Landwirte seien schwer gefährdet.

Den vorgesetzten Regierungspräsidenten in Hannover bat er noch am selben Tage um Bereitstellung einer halben Hundertschaft Schutzpolizei mit Lastwagen; von Hannover aus könnte sie in 2-3 Stunden vor Ort sein. Um jederzeit behördliche Telefonate übermitteln zu können, veranlasste er, die Postagenturen im Ostkreis auch während der Mittagspausen besetzt zu halten. Den Landrat in Gronau bat er darum, jederzeit auf das in Gronau stationierte berittene Schutzpolizeikommando zurückgreifen zu können. Für den Landkreis verbot er Demonstrationszüge von einem Ort zum anderen.

Am 10. September 1921 meldete der Landrat eine „gewisse Beruhigung“. Offenbar hatten die staatlichen Maßnahmen ein wenig gegriffen.

Hungeraufstände waren auch ein Merkmal im Inflationsjahr 1923. Extreme Folgen hatten die Unruhen in Hannover, wo es im August 1923 zu dreitägigen Auseinandersetzungen kam. Fünf Tote und etwa 100 Verletzte waren zu beklagen. SPD und Gewerkschaften unterstützten die Bemühungen von Staat und Stadt, die Unruhen zu beenden, die auch auf das Umland Hannovers übergriffen. Hannover, aber auch Hameln, richtete Notküchen ein.

Die „Niedersächsische Volksstimme“ schilderte am 31. August 1923 die verzweifelte Situation der Bevölkerung. Angesichts der Steigerung der Lebenshaltungskosten im August 1923 innerhalb einer Woche um 57 Prozent sah sie in der Masse der Bevölkerung „toternste, verhärmte, bangende, fragende“ Gesichter.

Dieses Mal reagiert der Landrat maßlos. Er ließ 25 Landjäger, bis an die Zähne bewaffnet, die Wohnungen der Arbeiterkolonie der Glasfabrik Osterwald auf gestohlene Feldfrüchte und Waffen durchsuchen. Finden taten sie so gut wie nichts. Die Folge: eine ungeheure Erregung unter den Arbeitern und Anwohnern.

Immerhin ging der Landrat zum ersten Male auch gegen die zahlreichen rechtsradikalen Organisationen vor, die den jungen demokratischen Staat stürzen wollten und ordnete Haussuchungen an.

Der Hameln-Pyrmonter Landrat Ernst Theodor Loeb (später Loeb-Caldenhof) war 1919 in sein Amt eingesetzt worden. Er agierte obrigkeitlich nach dem Muster der königlich-preußischen Landräte der Kaiserzeit und stand grundsätzlich auf Seiten der Besitzenden, der Landwirte, und sah nicht die Not der Arbeiter, sondern fürchtete den Umsturz.


Kommunistisches Flugblatt anlässlich der Hungerunruhen von August 1923

(Quelle: Kreisarchiv Hameln-Pyrmont)

Wahlplakat der rechtsradikalen DNVP

Die deutschnationale Volkspartei verunglimpfte die schwarz-rot-goldene Reichsflagge und bekämpfte die Verfassung der Weimarer Republik.

(Quelle: Weimarer Republik e.V.)


Autor: Bernhard Gelderblom


herral, 30.06.2026

Ein Kommentar zu „Schwere Hungerunruhen im Landkreis Hameln-Pyrmont in den Jahren 1921 und 1923“

  1. Davon wusste ich bisher nichts. Das sollte uns eine Lehre sein! Wir dürfen den Sozialstaat nicht weiter aufgrund neoliberaler Ideen aushöhlen.

    Auch wenn die Situation heute nicht vergleichbar ist mit der von vor hundert Jahren, war für mich bereits die Gründung der „Tafeln“ ein Alarmzeichen.

    Ich wünsche mir Exposure-Programme für hochrangige Poliziker:innen, z. B. drei Tage mit einem alleinerziehenden Elternteil leben oder in einer Flüchtlingsunterkunft.

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