DEWEZET – Zeitungskritik Nr. 2 zum „Fall Lügde“

Risiken und Nebenwirkungen einer auch skandalorientierten Wiederholungsberichterstattung:

Die Meldungen über sexuelle Gewalt gegen Kinder auf einem Campingplatz in Lügde sind verstörend und hochemotional. Natürlich liest man das. Mit Abscheu! Die Schlagzeilen sind ein Hinkucker. Wenn dann noch Behördenversagen im Raum steht, emotionalisiert das noch mehr.

Die Täter sitzen in Haft. Mögen Sie ihre gerechte Bestrafung bekommen. Das Handeln der Behördenverantwortlichen/-mitarbeiter wird überprüft. Da laufen gleichfalls Verfahren. Gut, das die Presse hier mit Druck nachfragt und recherchiert. Hier aber wird es ungleich schwieriger werden, denn wenn auch im emotionalen Aufruhr das Urteil vom „Behördenversagen“ schnell gefällt wird, welche tatsächliche Schuld die einzelnen Akteure (Sachbearbeitern, Verwaltungschefs oder politisch Verantwortlichen) trifft, muss auf Sachebene vor Gericht geklärt werden. Wenn man das Verhalten der Handelnden zum Zeitpunkt ihres Handelns bewertet, und das muß man tun, dann ist ohne Emotionen der Stab über die Menschen vielleicht nicht mehr so leicht gebrochen, wie mancher das beim erhitzten Lesen der Artikel glaubt.

Auf keinen Fall aber sollte man mögliches Fehlverhalten durch Unterlassen gleichsetzen mit dem Handeln der eigentlichen Täter.

Vieles ist bisher nur Spekulation. Die öffentliche Berichterstattung, die eine Dimension erreicht, die befremdet und besorgt macht. Hier wird Druck zum Überdruck.

Was macht eigentlich der Bote, der die Meldungen überbringt! Hier in meinem Focus natürlich meine Heimatzeitung – die DEWEZET.

Zunächst war alles gut und unverdächtig. Die Berichte auf der Titelseite, die deutliche und verurteilende Aufmachung. Das Aufdecken und Anprangern von Unstimmigkeiten. Die Presse als „4. Gewalt“ alles ok.

Dann die Berichterstattung am 16.02.2019 – eine wie ich finde Entgleisung des stellvertretenden Chefredakteurs Herr Thimm.

https://hamelnerbote.de/?p=1835

Nun wuchs von Bericht zu Bericht das Befremden. Aufmachung und Stil der immer wiederkehrenden Meldungen passte nicht mehr zu dem Neuigkeitswert der Meldungen. Kleine Aktualisierungen wurden angereichert mit schon berichteten. 1/3 Neuigkeiten und 2/3 Wiederholungen. Das aber erneut auf der Titelseite. Spekulationen. Mein Eindruck wuchs, hier wird ein Thema „am kochen“ gehalten.

Zwei Beispiele möchte ich herausstellen:

DEWEZET von 2.3.2019

Titelseite, keine wirklich neuen Informationen. Mitleid mit den Kinder aber steckt dahinter nicht auch ein bisschen Scheinheiligkeit, wenn das Thema so exponiert wiederholend aufgemacht wird?

Änlicher Sachverhalt am 7.3. 2019 – gleichfalls Titelseite:

DEWEZET siehe online: https://www.dewezet.de/region/weserbergland_artikel,-spurensuche-fuehrt-erneut-nach-steinheim-_arid,2528404.html

Gleichfalls keine wirklich neuen Informationen, aber die x-fache Wiederholung mehrfach wiederholter Grundinformationen. Interessant aber ein Bericht auf Seite 11 des Hamelnteiles. Hier werden mit großen Foto und wenig Text die Daten zur Jahreskriminalitätsstatistik vorgestellt. Ein Minimalartikel aber mit der Überschrift: „Angst vor Straftagen steigt“.

https://www.dewezet.de/blaulicht/blaulicht-dwz_artikel,-kriminalitaetsstatistik-belegt-weniger-einbrueche-_arid,2528390.html

Hier zeigt sich ein Missverhältnis. Auf der einen Seite an exponierte Stelle Platz für Wiederholungen. Auf der anderen Seite ein wirkliches Informationsthema mit Fakten welches nur „am Rande“ bearbeitet wird.

Der „Aufruf zur Mäßigung“ ist ungehört verhallt. Die Berichterstatter scheinen mir im Folgendem immer mehr die Distanz zum Vorwurf gegen die Behörden verloren zu haben. Zu harsch die Vorwürfe im Stil einer Verurteilung, wenig Ansätze zur Differenzierung.

Wie aber wirken ständige Wiederholungen auf Menschen?

Wir wissen warum die Werbung so auf Wiederholung setzt.

Dieses Statement hier soll jetzt aber nicht als Forderung nach Zensur der Presse verstanden werden. Ich möchte auf Folgen aufmerksam machen und auf Verantwortung. Es geht mir um die Verhältnismäßigkeit der Berichterstattung als Rechtsgrundsatz, um Augenmaß und Fairness.

Einen sensiblen Blick auf die Wirkungen der Taten, der Vorwürfe und der Berichterstattung bei Verwaltung und Polizei nehme ich derzeit bei der DEWEZET nicht wahr.

Das es anders geht, zeigen vergleichbare Medien. Z.B. beim Nachbarn, dem Westfalen Blatt für Ostwestfalen-Lippe aus Bielefeld. Auch hier gibt es eine umfangreiche und sehr kritische Berichterstattung. Hier werden auch andere Aspekte des Themas kommuniziert.

Zwei Beispiele:

Sa., 09.03.2019: Nach Pannen im Fall Lügde gerät geringe Kriminalität aus dem Blick Lippische Polizisten werden angefeindet

https://www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde/3696361-Nach-Pannen-im-Fall-Luegde-geraet-geringe-Kriminalitaet-aus-dem-Blick-Lippische-Polizisten-werden-angefeindet

So., 10.03.2019 : GdP fordert Innenminister auf, sich vor die Beamten zu stellen Polizeigewerkschaft kritisiert Vorverurteilung im Fall Lügde

https://www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde/3697738-GdP-fordert-Innenminister-auf-sich-vor-die-Beamten-zu-stellen-Polizeigewerkschaft-kritisiert-Vorverurteilung-im-Fall-Luegde

Auch unser lokaler Rundfunksender Radio Aktiv aus Hameln berichtet über das Statement der GdP gegen Vorverurteilung.

Siehe hierzu: http://gdp-goettingen.de/archive/928

Zu befürchten ist, das es bei der DEWEZET in dem Maße unverändert weitergeht. Selbst wenn jetzt langsam Ruhe einkehren sollte, auf jeden Fall wird es die Gerichtsverhandlungen, die Ergebnisse aus den Disziplinarverfahren etc. geben. Wie war das noch mit den Meldungen zum „Schleifmordfall“ in Hameln. Neue Meldung, ergänzende Wiederholung des alten Sachverhaltes, relativ schnell gefüllter Zeitungsplatz. Dauerfeuer von Wiederholungen mit Gehirnwäscherisiko.

Die Ereignisse auf dem Campingplatz in Lippe waren schlimm. Die Dimension der Berichterstattung hat für mich Nebenwirkungen von emotionaler Manipulation. Bestimmt nicht bewusst, aber als Folge des Trommelfeuers der Schlagzeilen und der Wiederholungen.

Solange sich Skandale (siehe Bildzeitung) besser verkaufen, als sachliche, differenzierte Berichterstattung, solange besteht die Gefahr, dass sich (an sich) seriöse Medien immer mehr dem Medienmechanismus „Wutbürger“ zuwenden. Bei allem Respekt vor den Problemen der konventionellen Bezahl-Medien im Wettstreit mit den kostenlosen „Sozialen“ Medien. Die Folgen eines zunehmenden Populismus als Spirale wird unsere Gesellschaft tragen müssen. Sie ist der Nährboden für extremes Gedankengut und Handeln.

Als einzelner Mensch kann man versuchen, dagegen zu halten. Daher diese Zeitungskritik als Sorge um die Nebenwirkungen dieser Art von Berichterstattung. Wenn Sie sich meiner Sorgen anschließen, dann geben Sie dies an die Verantwortlichen der Zeitung weiter. Eine Einzelstimme verhallt ansonsten ungehört.

Ralf Hermes, Hameln, 16.03.2019

P.S.: Ich bin zwar auch Vorsitzender der GdP Bezirksgruppe Göttingen, habe diesen Beitrag aber ausschließlich „privat“ geschrieben.

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