Deisterstraße 52 – Erinnerung an Christian Reddigan – Stolperstein

Hameln, 08.02.2026: Am 06.02.2025 wurde vor dem Haus Deisterstraße 52 ein Stolperstein verlegt. Dazu hier ein Hintergrundtext von Bernhard Gelderblom zur Erinnerung an ein Eutansasieopfer der NS-Zeit aus Hameln.

HIER WOHNTE

CHRISTIAN REDDIGAN

JG. 1926

EINGEWIESEN 1941

HEILANSTALT ROTENBURG

´VERLEGT` 7.10.1941

KAUFBEUREN/IRSEE

´HUNGERKOST`

ERMORDET 2.2.1942


Folgende Stichworte sind bekannt:

1926 in Hameln unehelich geboren

1927 heiraten die Eltern, insgesamt vier Kinder, keine wohlhabende Familie

Wohnorte: Rutenstraße 55 (im Industriegebiet) und seit 1938 Deisterstraße 52

Christian Reddigan litt an „angeborenem Schwachsinn“. Im Gutachten werden auch epileptische Anfälle erwähnt.

Seine Mutter betreute ihn zu Hause. Sie musste jedoch auch Christians jüngere Geschwister versorgen und hatte möglicherweise eine Dienstverpflichtung zur Arbeit in der Rüstungsindustrie erhalten. Der Vater war beim Militär.

Notgedrungen stimmte sie der Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Rotenburg zu. Diese Entscheidung fiel der ihr offenbar nicht leicht; sie schreibt liebevolle Briefe an ihren ältesten Sohn.

21. Mai 1941 Heil- und Pflegeanstalt Rotenburg – zwei Tage vor Christians 15. Geburtstag. Über seinen Aufenthalt in Rotenburg berichtet nur ein Eintrag in die Krankenakte:

„Friedlicher und sauberer Junge, der aber die größten Schwierigkeiten mit dem Essen macht. Ein Stück Brot kann er stundenlang im Mund behalten, ohne herunterzuschlucken, bricht es dann oft noch aus.“

5 Monate später – er hatte sich gerade eingelebt –wurde er schon wieder verlegt.

Hintergrund war der folgende:

Die Anstalt Rotenburg wurde als Ausweichkrankenhaus für vom Bombenkrieg bedrohte Großstädte in Anspruch genommen, insbesondere für Hamburg. Für die meisten der weit über 1.000 Insassen musste kurzfristig eine neue Einrichtung gefunden werden. Ein erster Transport von 91 Frauen und Männern führte in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee in Bayern. Darunter war Christian Reddigan. Der dortige Arzt beurteilte den Jungen sehr viel negativer als sein Rotenburger Kollege:

„Stumpfer Defektzustand. … stand leer und gleichgültig herum.“

Christian Reddigan war nun „bettlägerig, konnte nicht mehr gehen und stehen, war dauernd benommen und umdämmert“.Er musste gefüttert werden, war unrein und pflegebedürftig. Eine Gewichtsliste dokumentiert seinen körperlichen Verfall. Wog der Junge zuerst 37 Kilogramm, betrug das Gewicht zuletzt nur noch 25 Kilogramm – innerhalb von vier Monaten hatte er zwölf Kilo verloren.

Christian Reddigan starb am 2. Februar 1942 um 9 Uhr. Diagnose: „Bronchopneumonie“, also Lungenentzündung; tatsächlich hatte man ihn verhungern lassen.

Zwei Tage später erfolgte die Beisetzung auf dem Friedhof in Irsee.

Ob die Eltern an der Beerdigung ihres Kindes teilnehmen konnten, geht aus der Akte nicht hervor.

Dies ist nach Einstellung der T4-Aktion die spätere Phase der Euthanasie. Sie erfolgt dezentral, nicht mehr gelenkt von einer Zentrale. Die Ärzte vor Ort entscheiden nun.

Bernhard Gelderblom


Zur Aktion T4 hier ein Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4


Zu Homepage des Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.

Stolpersteine in Hameln – Namen und Schicksale

https://stolpersteine.geschichte-hameln.de/namenschicksale/namenschicksale.php?name=vorwort


herral, 08.02.2026

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