Hameln, 12.09.2026: Gastbeitrag von Bernhard Gelderblom über den Aufstieg der NSDAP ab 1928

Foto: Der Zeitungskopf der NSDAP-Parteizeitung Weser-Wacht vom 13. Januar 1931. Quelle: Kreisarchiv Hameln-Pyrmont
Das Ergebnis lautete damals: In Hameln-Pyrmont entfielen von 26 760 Stimmen 10 960 auf die SPD, 443 auf die KPD und 767 gingen an die NSDAP. Es war das letzte Mal, dass republikanische und demokratische Parteien die Wahl gewannen – gemeint ist die Reichstagswahl vom 20. Mai 1928.
Vier Jahre später am 31. Juli 1932 gingen 9620 Stimmen an die SPD, 2552 an die KPD; 13 107 Stimmen erhielt die NSDAP. Wie entwickelten sich die Mitgliederzahlen der NSDAP? Der NSDAP-Gau Süd-Hannover-Braunschweig hatte im April 1928 insgesamt 2154 Parteimitglieder, im September 1932 waren es 40 635. Die 1925 gegründete Ortsgruppe Hameln hatte im Juli 1926 27 Mitglieder, im Oktober 1932 zählte sie 700 und dazu 300 SA-Männer.
Ab 1930 hatte sich somit eine phänomenale Wähler- und Mitgliederbewegung hin zur NSDAP entwickelt. Wie war dieser erdrutschartige Erfolg möglich gewesen?
1928 war die Partei in Niedersachsen erst im Aufbau begriffen. Längst nicht in allen Orten war sie präsent. Auch fehlte geeignetes Personal. So musste der Kreisleiter von Hameln-Pyrmont zwei weitere Kreise mitbetreuen. Entscheidend dafür, dass der Aufbau gelang, war eine politische Neuausrichtung, weg von der Agitation in den Hochburgen der Arbeiterbewegung, hin zur Agitation auf dem Lande.
Wie die NSDAP auf dem Land zur Kümmererpartei wurde
Ende 1927 formierte sich in Norddeutschland eine ländliche Protestbewegung. Angesichts ihrer hohen Verschuldung drohte damals vielen bäuerlichen Betrieben das Aus. Die NSDAP griff die Forderungen der Bauern nach Stundung von anstehenden Zahlungen und Aussetzung von Zwangsversteigerungen auf. Schrittweise riss sie die politische Meinungsführerschaft auf dem Lande an sich. Als bauernfreundliche Protestpartei erzielte sie große Erfolge.
Es gelang der NSDAP, in allen Dörfern präsent zu sein und als Kümmerer aufzutreten. Sie band vor allem Landwirte an sich, aber auch einzelne Pfarrer und Lehrer. Erfolgreich unterwanderte sie die Organisationen der Landbevölkerung, insbesondere die Landbünde. Wo sie einmal Fuß gefasst hatte, betrieb die Partei eine Kampagne nach der anderen. Zahllose Veranstaltungen ermöglichten die Wahlerfolge, die ab 1930 in massiver Weise einsetzten.
Lokale Propaganda ab 1931: Wie ein Parteiblatt die Wende brachte
Im Februar 1931 gelang die Gründung der „Niedersächsischen Tageszeitung“, eines Parteiblattes, das nun Propaganda auch mit lokalen Bezügen ermöglichte. Vielleicht noch wichtiger war die Tolerierung der NSDAP durch bürgerliche Blätter, womit die Partei aus ihrer Isolation herausgeführt wurde. Dazu zählte damals auch die Deister- und Weserzeitung, die in der Summe nur verhaltene Kritik an der NSDAP übte.

Foto: Der Hameln-Pyrmonter SA-Führer Richard Kalusche. Quelle: Bundesarchiv Berlin
Als Mann der ersten Stunde verehrte die Hamelner NSDAP den „Rucksackmajor“ Karl Dincklage. Mit dem Fahrrad „von Dorf zu Dorf fahrend und ‚predigend‘, holte er aus dem lau gewordenen Bürgertum die Kämpfernaturen heraus“. Nach seinem Tod 1930 machten die Nationalsozialisten ihn zu einem „Helden der Bewegung“. In Hameln erhielt eine Straße in der an die Holtenser Landstraße angrenzenden SA-Siedlung seinen Namen.
Im 1934 veröffentlichten „Heimatbuch des Kreises“ stellte NSDAP-Kreisleiter Erich Teich beim Rückblick auf die Anfänge eine Person besonders heraus: Heinrich Schmidt. Er sei „der erste politische Rufer und Kämpfer“ gewesen. Bereits seit 1924 Mitglied der Partei und ausgestattet mit dem Ehrentitel „Alter Kämpfer“ war Heinrich Schmidt – so Erich Teich – „der erste Organisator der Bewegung, der die lose in der Luft schwebenden Stützpunkte und Ortsgruppen zusammenfaßte und dafür sorgte, daß der Kampf nicht nur einheitlich, sondern auch unermüdlich und hitzig, revolutionär geführt wurde.“ Er sei „der bestgehaßteste Mann im Kreise“ gewesen, nicht nur für die „Marxisten“, sondern ebenso für das Bürgertum.
Heinrich Schmidt: Vom „bestgehaßtesten Mann“ zum entmachteten Funktionär
Heute fällt das Urteil über Heinrich Schmidt anders aus. Von Beruf Handlungsgehilfe, von den politischen Gegnern verächtlich als „Sackhändler“ apostrophiert, war er bereits seit 1928 hauptberuflich für die NSDAP tätig. Als geschulter „Reichsredner“ offenbar ein begabter Demagoge trat er im ganzen Reich auf, bevorzugt in „roten“ Bezirken. In Hameln erregte er wegen seines lockeren Umgangs mit Parteigeldern, seiner alkoholischen Exzesse und seines unbarmherzigen Vorgehens auch gegen innerparteiliche Gegner Anstoß. 1931 von Hameln nach Hildesheim versetzt, sollte sich das noch steigern. Machtbewusst und rücksichtslos führte er die rüden Methoden aus der „Kampfzeit“ in Hildesheim weiter. 1936 enthob ihn die Partei aller Ämter.
Zu den Gründervätern im Weserbergland, die „trotz aller Anfeindungen (…) die großen Opfer an Zeit, Geld und schließlich auch Blut“ erbracht hätten, zählte die Partei auch Richard Kalusche. Kalusche hatte nach einer Lehre als Schlosser bis 1918 als Soldat gedient, dann bis Sommer 1920 im rechtsradikalen Freikorps von Bülow in Litauen gekämpft und anschließend in Hameln von 1924 bis 1932 ein Geschäft für Berufskleidung, insbesondere Parteiuniformen, geführt. 1926 mit dem Aufbau der SA beauftragt, wurde er Führer des SA-Sturmes 33 Hameln, der 1931 zum Sturmbann 164 umbenannt wurde. Als selbstgewählte Ehrenbezeichnung führte der Trupp den Namen „Mördersturm“.
In Straßenkämpfen mit politischen Gegnern mehrfach verwundet, meinte Kalusche wie Heinrich Schmidt die Methoden aus der „Kampfzeit“ auch in Hameln weiter praktizieren zu können. Trotz Goldenem Parteiabzeichen und mehrfacher Teilnahme an den Reichsparteitagen in Nürnberg wurde er schließlich wegen seines unsoliden Lebenswandels (er war öfter sinnlos betrunken) 1936 aus der Partei ausgeschlossen.

Foto: Heinrich Schmidt, bis 1931 Kreisleiter von Hameln-Pyrmont. Quelle: Hameln-Pyrmont. Ein Heimatbuch des Kreises, Magdeburg 1934
„Judenlümmel“ gejagt: Polizeiakten dokumentieren SA-Terror in Pyrmont
Was ist den Polizeiakten über Zusammenstöße zwischen Linken und Rechten im Landkreis zu entnehmen? Von der Polizei weitgehend unbehelligt, versuchten SA und NSDAP Andersdenkende durch Straßenterror einzuschüchtern. Die Meldung des Landjägers von Holzhausen vom 6. Januar 1931 enthält den Bericht des Bildungsleiters der sozialistischen Arbeiterjugend Holzhausen-Pyrmont Willy Nix. Er habe mit den von ihm betreuten jungen Leuten in der Neujahrsnacht eine Wanderung von Pyrmont nach Löwensen veranstaltet. Zurück in Pyrmont seien sie von SA überfallen und geprügelt, er selbst als „Judenlümmel“ bezeichnet und durch die Straßen gejagt worden.
Breiten Raum in den Akten nimmt eine gleichzeitige Kundgebung des SPD-nahen Reichsbanners und der NSDAP am 11. Januar 1931 in Salzhemmendorf ein. Das Reichsbanner beschwerte sich später beim preußischen Innenminister Carl Severing, dass die Polizei gegenüber den Nazis ein Auge zugedrückt habe; so habe sie trotz des Uniformverbotes das Tragen von SA-Uniformen sowie ein Banner an einem Lastwagen der NSDAP „Köpfe werden rollen“ geduldet. Gegenüber dem Reichsbanner sei sie hingegen sehr streng aufgetreten und habe sogar Gehstöcke eingesammelt.
Der Bericht der NSDAP-Zeitung „Weser-Wacht“ über die Veranstaltung schließt mit einem Dank an die Polizei, die die Kundgebung der NSDAP nach besten Kräften geschützt habe. Auch der Landrat billigte gegenüber dem Regierungspräsidenten das Verhalten der Landjäger.
So gerieten Polizei und Obrigkeit unter den Verdacht, die Gesetze und Verordnungen einseitig zugunsten der Rechten auszulegen. Beide unterschätzten sie die NSDAP in ihrer Gefährlichkeit.
Bernhard Gelderblom
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Der Beitrag wurde am 12.09.2026 auch in der DEWEZET veröffentlicht.
herral, 12.09.2026
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herral, 12.09.2026