Die DEWEZET und das Reichsbanner im Jahre 1925. Ein Beispielbericht. (#hmjournalismusweimar, #reichsbannerSchulz)

Text siehe unten:

Bei Recherchen zum Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Hameln bin ich auf den folgenden Bericht der DEWZET gestoßen, den ich bemerkenswert halte:

  1. Eine Zeitungsmeldung vom 11. Juli 1925. Deister- und Weserzeitung
  2. Zum Autor
  3. Zum Sachverhalt

In der Ausgabe Nr. 161 des 78. Jahrganges der Zeitung erschien folgender Bericht auf der Titelseite:   Samstagsausgabe vom 11. Juli 1925:

Die wilde Polizei. Zusammenbruch einer Hetze.

„Prozeß gegen den Landwirt Rehnig“, lesen wir in Berliner blättern. – Halt, was war das? Man hat es schon fast wieder vergessen: Am Tage der Präsidentenwahl wurde bei einem Krawall im Westen Berlins der Reichsbannermann Schulz durch die Kugel des Landwirts Rehnig so unglücklich getroffen, daß er an den Folgen verstarb. Durch die ganze Presse ging natürlich der Ton des Beauerns von solcher Auswüchse des politischen Kampfes und durch einen Teil der Blätter loderte wie auf Kommando die Empörung gegen den „Mörder“, gegen die „blutige Reaktion“ usw. Das ist dieser Fall Rehnig. Und das Ergebnis des Prozesses? Todesstrafe, Zuchthaus, Gefängnis? – Nichts: Freispruch auf Kosten der Staatskasse. Auf Kommando geht wieder durch einen Teil der Blätter die Empörung gegen die „reaktionäre Justiz“ usw. Wir sind daran gewöhnt. Wo aber einmal jemand den Gang dieser Gerichtsverhandlung verfolgt, da enthüllt sich ihm die Tatsache, daß das Blut jenes unglücklichen Reichsbannermannes von den Seinen und den Linksparteien zu einer Wahlmache so übler Art verwandt worden ist, daß die Wellen dieser Schmutzflut bis zum Gipfel aller Skrupellosigkeit hinaufschlagen. Die Zeugenaussagen – u.a. von einem italienischen Studenten, der den Dingen mit der Leidenschaftslosigkeit des Ausländers gegenübersteht – haben nicht nur ergeben, daß Rehnig in Notwehr geschossen hat, als man ihn mit Stöcken bewarf und verfolgte, nicht nur, daß er zweimal laut gefordert hat, man solle ihn gehen lassen, bevor er schoß, sondern auch, daß dieser Zug des Reichsbanners, bei dieser Gelegenheit sich der Krawall ereignet hat, eine Johl- und Pöbelfahrt gewesen ist, die alles belästigte, was ihr nur mit schwarz-weiß-roten Fähnlein unter die Augen kam. So hat also der „Angriff auf die Reichsbannerleute“ ausgesehen, als der diese Episode von Leuten frisiert wurde, die an der Ursprungsstelle der Nachricht ohne Frage selber gewußt haben, daß sie eine dreiste, unverantwortliche Lüge in die Welt sandten.

Der Angeklagte Rehnig hat die einzige gewaltige Sünde getan, daß er mit einem Fähnlein in den alten Reichsfarben am Fahrrad den Zug der rasenden Derwische passiert du daß ihm dabei das Lachen kam. In der Tat, es ist nicht zu Lachen, wenn erwachsene Menschen, die noch dazu beanspruchen, als Mitglieder eines vaterländisch gesonnenen Verbandes angesehen zu werden, an einem solchen Tage, wo halt jeder die Pflicht hat Farbe zu bekennen, zu allen Balkonen herauf bellen und schimpfen, wo nur ein Wimpelchen flattert, das andere als schwarzrotgoldene Töne zeigt. So aber ist es nachweislich geschehen.  „Die Hunde muß man totschlagen“ ist eine der Redensarten, mit denen die Passanten begrüßt und republikanisch beeinflusst wurden. Es sind Ziechen erschütternder Naivität, wie man sich in diesen Kreisen seine Stellung und Aufgabe vorstellt: Das man sich zusammenschart, um mit gesetzlichen Mitteln für Achtung und Erhaltung der gegenwärtigen Reichsflagge einzutreten, dagegen ist selbstverständlich nichts zu sagen, und daß man , je wichtiger einem dieser Kampf erscheint, sich desto mehr auch „mit seinen größeren Zwecken“ wachsen fühlt, das ist nur begreiflich, das man aber den Respekt, den man für die Reichsflagge fordert, und den ihr kein vernünftiger Mensch versagten wird, eben solange sie Reichfahne ist, daß man diesen Repekt für die Organisation des Reichsbanners beansprucht, das dürfte denn doch schon etwas weit gegriffen sein. So sehr werden durch seinen Zweck die Mittel geheiligt. Aber damit ist es nicht einmal genut, wie die Zeugenvernehmung über jene Veranstaltung lehrt: Das jemand, der einen Volksauflauf veranstaltet, auch fü dessen Ordnung mitverantwortlich ist und der Polizei bei der Zurückdrängung der Massen behilflich zu sein hat, ist selbstverständlich und dafür gibt es bekanntlich bei allen großen Organisationen, Parteien, Gewerkschaften, Jungdo, Stahlhelm, Reichsbanner usw. bestimmte Methoden und Kniffe. Daß aber dies durch den Berliner Westen tobende Horde sich selber noch als Polizist aufspielt und „Verhaftungen“ vornimmt, da wo ihr die Nase eines Passanten nicht gefällt, das übersteigt alle Grenzen, innerhalb deren man ruhig zuschauen darf, und es ist gut, daß die Urteilsbegründung im Falle Rehnig darüber einige aufklärende Worte gesagt hat.

Diese Methoden aber sind nicht nur am Wahltage üblich gewesen, sogar gestern am Tage haben – natürlich – Protestkundgebungen des Reichsbanners in Berlin gegen den Freispruch über Rehnig stattgefunden, und man maßte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die alle Symptome des Großenwahns an sich trägt, die „Absperrung“ und „Säuberung“ der umliegenden Straßen an. Mag an manchen Orten des Vaterlandes in den Reichen des Reichsbanners eine Vernunft einkehren, die das Radaumäßige abstreifen will, mit dem das erste Auftreten dieser Bewegung seinerzeit eingeleitet wurde, mögen auf der großen Tagung in Magdeburg Herr Hörsing und andere einige durchaus verständige Worte geredet haben, in Berlin ist , wie auch an einigen anderen Orten, von dieser inneren Wandlung noch nichts zu spüren, und von der „Demokratie“, in deren Namen das Reichsbanner mit Vorliebe aufzutreten pflegt, erst recht nichts. Hier herrscht der Terror, der auch mit keiner Mine verleugnet, daß er von rein sozialdemokratischen Eltern stammt. Hier verrät sich der Geist derselben Leute, die im Reichstage, als es galt, eine Stätte für die Büste Eberts zu finden, diese Ehrung, der auch wir uns im Geiste gerne Anschließen, dazu benutzten, um die Bilder Bismarcks und Moltkes in irgendeine dunkel Ecke zu verbannen. Erst der dafür zuständige Ausschuß hat diese gassenbübische Takt- und Pietätlosigkeit schließlich verhindert. Man darf es ruhig sagen: So frivol und würdelos der Flaggenwechsel in Weimar war, die Wogen der Entrüstung darüber wären vielleicht längst soweit zur Ruhe gekommen, das das deutsche Volk auch hier den Status quo in Kauf genommen hätte; aber die Intoleranz und Arroganz, mit der uns von seinen Aposteln und Prätorianern der Nachnovember serviert wird, die wird niemals den Wunsch schlafen lassen, daß es eines Tages damit radikal zu Ende sei. Die Präsidentenwahl hat bereits über den Stimmungsumschlag in Deutschland Auskunft gegeben. Wenn die schwarz-weiß-rote Flagge wieder über Deutschland weht, so werden die eifrigsten Totengräber der schwarz-rot-goldenen im Lager des Reichsbanners zu suchen sein.
Dr. F.

Zum Autor:

Dr. Fi. steht für Dr. Wilhelm Fischdick, Hauptschriftleiter und verantwortlich für Politik und Volkswirtschaft der DEWEZET. (#fischdickHM)

„Die im Jahre 1948 gegründete Deister- und Weserzeitung ist die älteste, angesehenste und verbreitete Tageszeitung Hameln sowie des gesamten mittleren Wesergebiets; si erscheint täglich nachmittags außer Sonn- und Feiertags. Verlag und Druck: C. W. Niemeyer (Inhaber E. und Th. Niemeyer), Hameln.“

Verantwortlich für Lokales, Provinz, Theater und Musik, sowie für den übrignen redaktionellen Teil: Ludwig Ordemann, für den Anzeigenteil Louis Boß, sämtl. In Hameln.

Zum Sachverhalt Erich Schulz – Alfred Rehnig:

Das heutige Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold berichtet über den Sachverhalt auf der Internetseite zu Erich Schulz zum Sachverhalt:

„Auf dem Rückweg einer Werbefahrt durch den Berliner Westen halten offenkundige Republikgegner drei Propagandawagen des Reichsbanners an. Während eines Handgemenges schießt der 21-jährige Alfred Rehnig, Mitglied im rechtsextremen Bund Wiking, auf mehrere Reichsbanner-Männer und verletzt Erich Schulz schwer. Der 27-Jährige stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.“

„Den Verantwortlichen am Tod von Erich Schulz, Alfred Rehnig, spricht ein Schwurgericht am 9. Juli 1925 vom Vorwurf der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang frei. Rehnig tritt 1931 der NSDAP und später der SS bei.“https://reichsbanner-geschichte.de/reichsbanner-geschichte/personen/person/Personen/show/schulz-erich/

Erich Schulz, Quelle „Illustrierte Reichsbanner-Zeitung“, Nr. 39/1928 vom 29.09.1929
Beisetzungsfeier am 2. Mai 1925, Bundesarchiv, Bild 102-01362 / Georg Pahl
Trauerzug zur Beisetzung von Erich Schulz, Berlin 1925, Bundesarchiv, Bild 10201364
Gedenkfeier des Reichsbanners Berlin am Grab von Erich Schulz im Nov. 1031, Illustrierte Republikanische Zeitung, 5. Dezember 1931

Bericht als PDF:

Siehe ansonsten:

oder

https://hamelnerbote.de/?tag=dr-wilhelm-fischdick

Ralf Hermes, Hameln, den 29.03.2020

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