Ein Nachdenktext: Albert Grzesinski und Ängstlichkeit in Hameln heute.

Mir wurde neulich geschrieben, dass meine „echauffieren“ über die Postings auf den Facebookseiten unserer Heimatzeitung eine „ziemlich elitäre Sicht auf die Meinungsfreiheit“ sei „und eine ängstliche obendrein“.

Bezug: https://hamelnerbote.de/?p=12747

„Ängstlich“ stimmt. Wenn ich nach Amerika schaue, den Fall Lübke bewerte, wenn ich in die Geschichte zurückblicke dann weiß ich, dass nichts von selber passiert.

Es gibt Zusammenhänge: Es gibt Täter aber auch Menschen die zulassen, die unterstützen. Es gibt einzelne große Taten und ganz viele kleine Handlungen, Provokationen, Grenzüberschreitungen. Beständig, wiederholend, zermürbend, zersetzend. Vorsätzlich, fahrlässig, aus Gedankenlosigkeit oder Freude am „trollen“.

Wer als Mensch mit Verantwortung nicht versucht gegen zu wirken, der nimmt die Folgen billigend in Kauf.

„Rumtrollen“ ist das eine. Wegschauen das andere.


Ich zitieren nachfolgend einen Mann, über den ich im Augenblick einiges lese. Es ist Albert Grzesinski, ein SPD-Politiker der 1921 im Weserbergland im Wahlkampf aktiv war. Es ist ein Fazit auf die Situation in der Weimarer Republik. Sollte man heute nicht nur parteipolitisch sehen:


„Das ein Mann wie Scheidemann so angegriffen und verfolgt werden konnte, ohne daß die Verleumder gefaßt wurden, lag in den politischen Verhältnissen in Deutschland begründet. Republikaner waren vogelfrei, und niemand, nicht einmal die eigene Presse und Partei, stützte sie ausreichend. Bei den Deutschnationalen, den Nationalsozialisten und den Kommunisten war das anders. Hier galt in den eigenen Reihen der Grundsatz: Was der Gegner über die Bewegung und die Führer sagt oder schreibt, ist gelogen! Ganz anders leider bei den Republikanern, nicht zuletzt bei der Sozialdemokratie. Hier wurde zunächst einmal angenommen, daß an den verleumderischen Behauptungen des Gegners doch etwas Wahres sein müsse. Deshalb wurde der Angriff auch nicht sofort entschieden abgewehrt, man wartete ab und hoffte, die Verleumdung durch Totschwiegen in Vergessenheit geraten zu lassen. Man ersparte sich damit auch, Stellung zu nehmen und sich festzulegen. Aber die Verleumdungen gerieten nicht in Vergessenheit. Sie wurden ja von einer Zentralstelle systematisch gegen die Exponenten des Staates von Weimar verbreitet und immer wieder wiederholt. Die Totschweigetaktik und Feigheit der deutschen republikanischen Journalistik hat die Republik mit untergraben helfen. Vor lauter „Großzügigkeit“ in der Gesamtpolitik sah diese Presse die nächstliegenden Gefahren für den Staat und für das Volk nicht.“

Albert Grzesinski, (preuß. Innenminster/Polizeipräsident von Berlin in der Weimarer Republik) Seite 69/70, aus dem Buch: Im Kampf um die deutsche Republik. Erinnerung eines Sozialdemokraten.


Wir sind heute noch lange nicht so weit, aber deutliche Zeichen weisen in eine ähnliche Richtung. Daher möchte ich noch ein zweites Zitat aus der Weimarer Republik bringen, welches meine Ängstlichkeit erklärt:


Zur Person von Albert Grzesinski siehe auch:

Ralf Hermes, 18.02.2021

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