Gastbeitrag: „Spinnen die?“

Spinnen verhungern im Sommer 21

Hameln, 20.01.2022: Während Spinner im Moment Hochkonjunktur haben, geht es der Fauna im ausgegangenen Jahr sehr schlecht, bzw. es geht ihr überhaupt nicht mehr. Sind Sie 2021 von einer Mücke gestochen worden? Ich nicht. Haben Sie einen Schmetterling gesehen? Ich vielleicht 3 Stück. Vor 15 Jahren haben wir zuhause am Basberg noch abends freiwillig das Licht ausgeschaltet: hunderte Nachtfalter saßen an unseren Fensterscheiben und verwechselten unsere Glühbirne mit dem Mond, eine wichtige Navigationshilfe für Flattermänner* frauen. Sie flogen dann weiter zur nächsten Laterne und verstarben dann dort im falschen Mondesschein. Heuer habe ich keinen Nachtfalter gesehen. Alle tot. Dafür hatte ich am Klofenster einen Pflegefall. Eine Kreuzspinne hatte sich dort, ein nahezu unsichtbares, Netz gebastelt. Ich musste sie zwangsernähren, denn sie war nach mehreren Wochen erst so groß wie eine trockene Erbse. Die Zitterspinnen in meinem naturnahen Haus sind allesamt verhungert, obwohl sie immer Bleiberecht und volle Netze hatten. Der Vogelnachwuchs des Jahres hat größte Not und wiegt bestenfalls noch ein Lot (oder ist schon tot).

Artenbestände, die erst einmal komplett eingebrochen sind, erholen sich nicht mehr. Das nennt man wissenschaftlich den „Kipppunkt“ (hat nichts mit Zigaretten oder Alkohol zu tun). Vor einigen Lenzen wurde das „Jahr der Biodiversität“ ausgerufen. Es war (un)wohl bereits das letzte Jahr der Vielfalt in unserer Natur. Wer jahrzehntelang immer einen auf den Deckel kriegt, schließt ihn irgendwann über seiner Grube.

So lebte und überlebte im Winter der Großteil der Schmetterlingsarten an Wiesengräsern. Da ist aber nur noch Beton, Rasen, Kirschlorbeer oder Maisacker. Jeder Quadratmeter in Garten und Landschaft wird heute bis auf die Grasnarbe überpflegt und übernutzt und nachts scheinen tausende Monde. Dafür hat man*frau auch nicht eine Mücke im Schlafzimmer und morgens um fünf steht auch kein Vogel mehr auf und nervt. Hersteller von Fliegengittern sind verloren. Wir haben momentan halt ein anderes Problem: ohne Margeriten-Wiesen kann man nicht mehr abzählen.

„Ich lass mich jetzt impfen, ich lass mich nicht impfen, ich lass mich doch impfen, usw….“

Huetho*


*Thomas Hülsen war langjährig aktives Mitglied beim BUND Hameln und hat hier u.a. 2011/2012 in der Rubrik „Lanzen brechen für den Klimaschutz“ eine ganze Reihe lesenswerter Kommentare veröffentlicht.

Siehe:

http://archiv.bund-hameln-pyrmont.net/themen_und_projekte/klimaschutz/lanzen_brechen/

4 Gedanken zu „Gastbeitrag: „Spinnen die?““

  1. ein schmerzlicher klasse Beitrag!
    Seit einigen Wochen versuche ich ein Pfauenauge (Schmetterling) mit Zuckerwasser über den Winter zu bringen.
    Er hatte sich in meine Wohnung verirrt und hält hoffentlich in seinem leicht abgedunkelten vorübergehenden Gefängnis (ein ausgedienter Vogelbauer) bis zum Frühjahr durch

  2. Danke Thomas für die Erinnerung, den Blick auf wirklich für alle existenzielle Veränderungen zu lenken. Wir müssen aufpassen, dass die Ich-Bezorgenheit der Montagsdemonstranten nicht zu viel Aufmerksamkeit bekommt.

  3. Pfauenaugen suchen im Spätherbst gerne geschützte Räume, wie offene Keller und Dachböden, zur Überwinterung auf. Sie brauchen aber die kalte Winterruhe, um erst im Frühjahr mit Artgenossen wieder auf Reisen zu fliegen. Also am besten sofort wieder an einem geschützten Ort mit Außen-temperaturen unterbringen (Carport, Gartenhaus oder z.B regengeschützt in einem Efeu-Dickicht unter Dach auswildern). Nicht warm aufbewaren, sondern in die moderate Kälte schicken. Sorry, soll keine Besserwisserei sein, nur ein Tip.Viel Glück!

    1. Danke für den Tipp. – Das las ich auch, doch in fand leider , dort, wo ich wohne, keinen kalten Raum. Selbst der Keller wäre zu warm gewesen und so versuche ich, wie vorhin beschrieben,
      in einem ungeheizten Zimmer. Bis jetzt hat es funktioniert und ich hoffe, dass er überlebt.

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