Niklas Frank – Der Vater. Eine Abrechnung. Lesung und Gespräch in der Sumpfblume. Ekel und Respekt.

Hameln, 01.09.2022: Die SPD Hameln hatte eingeladen mit dem Autor und Journalisten Niklas Frank ins Gespräch zu kommen. Frank ist der Sohn des „Schlächters von Polen“ – eines NS Kriegsverbrechers, der in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Als ich gegen 18.50 Uhr die Sumpfblume erreichte, war diese überraschend gut besucht. Ein gemischtes Publikum, einige SPD Ratsmitglieder, Constantin Grosch als Landtagskandidat, aber auch eine Reihe von Lehrenden. Ich zählte 52 Menschen.

Die Begrüßung übernahm der mir bis dahin unbekannte neue SPD Ortsvereinsvorsitzende Niclas Linge. Er stellte den Autor mit seinem beruflichen und persönlichen Werdegang kurz vor. Dann folgte ein kurzes politisches Statement: Hass und Ausgrenzung haben in der SPD keinen Platz. Die Partei stelle sich klar gegen den wieder aufkommenden Nationalismus.

Alsdann startete der eingeladene Autor, ein etwas grantig dreinschauender älterer Herr ohne weitere Begrüßung oder Vorrede. Er begann einfach mit dem Vorlesen von scheinbar herausgerissenen Einzelseiten des Buches über seinen Vater. Dieses Buch erschien erstmals 1987.

Was er las, hatte es in Sprache, Wortwahl und Inhalt in sich. Die drastische, ja für mich ins Ekelige gehende Beschreibung der Hinrichtung des Vaters in der Vorstellungwelt des Jungen. Ich empfand es als brutal, unangenehm, drastisch und befremdlich. Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen.

Ich hielt durch und bekam so einen Einblick in eine schonungslose Abrechnung mit einem Menschen, der unsagbares Leid über viele tausend Menschen gebracht und dafür am Ende mit dem Leben bezahlt hatte. Eine Abrechnung durch den eigenen Sohn, der sich sehr fundiert und intensiv mit der Geschichte seines Vaters beschäftig hat. Dazu aber die eigenen Erinnerungsfetzen als Kind schonungslos offen beschreibt.

Distanziert, drastisch, routiniert.

Nach gut 45 Minuten endete der Vortrag etwas abrupt mit dem Satz: „Und jetzt seid’s ihr dran.“

Nun übernahm Herr Linge die Moderation und forderte auf, Fragen aus dem Publikum zu stellen. Was jetzt geschah, war für mich erstaunlich. Es meldeten sich viele und so entwickelte sich ein Gespräch, das es in sich hatte. Die teils sehr persönlichen Fragen wurden offen beantwortet. Es entwickelte sich eine Analyse der Situation im Nachkriegsdeutschland und heute, die mich in der Qualität überraschte und vielfach in der eigenen Einschätzung und Sorge zum Zustand unserer Gesellschaft heute bestätigte. Hier sprach ein Mann, der im Leben viel gesehen, geschrieben und analysiert hatte. Jemand, der sich intensiv mit dem Schweigen zur Vergangenheit auseinandergesetzt hatte und dann in seiner Sprache seine Wut rausgelassen hat. „Schonungslos und ohne zu verzeihen“ wie er sagt. „Schuld sei immer etwas persönliches“ und so verwahrte er sich auch gegen eine Generalzuweisung. Seine Wertung: „Die wussten alle, dass das nicht richtig ist.“

Bitter seine Bewertung der Demokratielage in Deutschland heute. „Wir leben in der besten Demokratie, die Deutschland je gehabt habe, allerdings würde sie nicht echt in den Seelen der Menschen schlummern“ so Ernst. Wenn es hageldick käme, würden die Vorteile vergessen . Es gäbe seiner Ansicht nach nur rund eine Millionen echter Demokraten in Deutschland .

Seine Frage: „Wo waren denn die drei Millionen richtigen Deutschen, die nach Gaulands ‚Vogelschiss‘ vor die Parteizentrale der AfD gezogen sind, um dagegen zu protestieren?“ Das „demokratische Feuer“ würde bei vielen fehlen.

Da sprach ein Mann, der sich mit eigenen Worten „auskotzte“ und immer noch wütend sei.

Mir ist nicht ganz klar, ob die hier wiedergegeben Aussagen für den, der nicht dabei war, die Situation richtig beschreiben. Im Saal gab es deutliche Zustimmung und eine sehr hohe Aufmerksamkeit.

Fazit: Selber muss ich den Abend sacken lassen. Das Buch werde ich wohl nicht lesen. Wenn aber Herr Niklas Frank noch einmal nach Hameln kommt, würde ich jedem den Besuch der Veranstaltung empfehlen und selber auch noch einmal hingehen. Es lohnt sich. Bis dahin werde ich noch ein wenig das Internet durchstöbern, was es zu ihm noch gibt.

Die Frage für uns ist, was tun um gegenzusteuern?

Radio Aktiv war vor Ort. Die DEWEZET habe ich nicht bemerkt.

Ralf Hermes, Hameln, 01.09.2022

Linkliste:

https://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Frank

https://www.deutschlandfunkkultur.de/autor-und-journalist-niklas-frank-wenn-der-schlaechter-von-100.html

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