Kommentar: Kompromiss oder Kapitulation? Zur Entscheidung des Oberbürgermeisters in Sachen „Fahrradstraße Hastenbeck“ vom 16.12.2025

Hameln, 18.12.2025: In der Pressemitteilung der Stadt Hameln: „Streit um Fahrradstraße beigelegt“ – Stadt lässt „Berliner Kissen“ abbauen – OB Griese erreicht Kompromiss – erklärt Hamelns Oberbürgermeister, dass die Stadtverwaltung den Abbau der „Berliner Kissen“ vornehmen wird. Stattdessen soll eine Reduzierung der Geschwindigkeit durch das Anbringen weiterer Leitpfosten beidseitig der Fahrbahn erreicht werden.

Die Mindestbreite der Fahrbahn von 3,50 Meter wird gewährleistet. Die Erprobungsphase der „Fahrradstraße“ wird fortgeführt und am 18.11.2026 wird eine Auswertung zwischenzeitlich durchgeführter Verkehrszählungen und Geschwindigkeitsmessungen im Umweltausschuss der Stadt Hameln vorgestellt. In der Ratssitzung am 09.12.2026 wird endgültig beraten.

Diese Vereinbarung wurde in einer gegenseitig unterzeichneten Vereinbarung festgehalten. Facebookbild der Stadtverwaltung sowie ein DEWEZET-Beitrag dort mit Kommentaren der Nutzerinnen und Nutzer dieses Netzwerkes:


Frage: Wie bewerten Sie die Entscheidung des Oberbürgermeisters? (Gerne veröffentliche ich beim Boten Ihre Einschätzung.)


Der Gesamtsachverhalt noch mal kurz dargestellt:

  • Die Ortsräte Hastenbeck und Afferde sowie der Rat der Stadt Hameln hatten das bisher umgesetzte Konzept der Fahrradstraße (mit Berliner Kissen) im Dezember 2024 bei einer Gegenstimme im Rat von allen Fraktionen beschlossen.
  • Mit zwei großen Berichten und einem Videobeitrag berichtet die DEWEZET am 17. und 18. Oktober auf Titelseite und Hauptseite im Hameln-Teil über den Protest der Vertreter der „Eigentümergemeinschaft“. Diese forderte von der Stadtverwaltung unter Fristsetzung den Rückbau der Berliner Kissen und die Aufhebung der Fahrradstraße. Zitat: „Wenn die Stadt das nicht abbaut, dann bauen wir das ab. Dann geht der Ärger richtig los.“ – „Wir wollen keinen Krieg, aber diese Geschichte geht über die Hutschnur.“
  • Mit mehreren groß aufgemachten Berichten schreibt in den kommenden Wochen Hamelns Chefredakteur Thomas Thimm den Konflikt groß. Seine einseitigen Berichte mit teils falschen, teils weggelassenen Informationen sind beispielhaft für einen emotional aufbauschenden Kampagnenjournalismus. Der Verfasser nimmt eindeutig Partei, versucht mit aller Macht der Zeitung öffentlichen Druck aufzubauen und den Konflikt zu verschärfen.
  • Spätestens mit einem Rechtsgutachten einer Fachanwältin, beauftragt von der Stadt Hameln, wird der formulierte Anspruch auf Mitbestimmung der „Eigentümergemeinschaft“ zu einem weit überwiegenden Teil abgewiesen. Zudem sind dem Gutachten interessante Informationen zu den auf der Straße gemessenen Geschwindigkeiten zu entnehmen. Diese werden von der DEWEZET nicht veröffentlicht.
  • Für den 17.12. sollte ein „Runder Tisch“ gemeinsam mit dem Ratsvorsitzenden, dem Hastenbecker Ortsbürgermeister und den Vertretern der „Eigentümergemeinschaft“ stattfinden.

Meine Bewertung:

Die Stadtverwaltung versucht mit ihrer Pressemitteilung die Lösung als guten Kompromiss und als Beilegung des Konfliktes dazustellen. Ich sehe das aus folgenden Gründen anders:

1. In der Verkehrslehre gibt es den Grundsatz der „Einheit von Bau und Betrieb“. Das bedeutet, dass die bauliche Gestal­tung der Straßeninfrastruktur selbsterklä­rend sein soll. Ziel ist, dass die Verkehrs­teilnehmenden durch die bauliche Situation intuitiv und ohne zusätzliche Verkehrsschilder das vor Ort geboten Verhalten wahrnehmen. Anders ausgedrückt: Wenn der Straßenraum nicht so gestaltet ist, dass er beim Verkehrsteilnehmer automatisch ein verändertes Geschwindigkeitsverhalten bewirkt, dann sind anders lautende Verkehrszeichen wirkungslos. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn mit dem Berliner Kissen der Grund entfällt, die Geschwindigkeit zu drosseln, dann wird es auch faktisch in sehr vielen Fällen keine Reduzierung geben. Dieses zeigen auch die vorliegenden Geschwindigkeitsdaten, die im Rechtsgutachten genannt wurden: Zitat: „Geschwindigkeitsmessungen im Juli 2025 haben ergeben, dass die zu diesem Zeitpunkt angeordnete Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h von vielen Fahrzeugen überschritten wird. Die Grenzgeschwindigkeit für die ersten 85 % lag im Durchschnitt bei 90 km/h. Unter Berücksichtigung der relativ geringen Breite von nur 5,40 m ist unter diesen Voraussetzungen durchaus mit einer Gefährdung des Radverkehrs auf der Straße zu rechnen.“

      2. Die Beibehaltung der Fahrradstraße ohne Geschwindigkeitsdämpfung stärkt zwar die rechtliche Situation des Radfahrenden im Falle eines Verkehrsunfalles. Subjektiv aber hilft das für die Akzeptanz einer verbesserten, sicheren Radwegeverbindung zwischen Hastenbeck und Afferde nichts. Auch wird der Verkehrsberuhigungseffekt für die Anwohner der Cumberlandstraße aufgehoben.

        Aus meiner Sicht ist die Entscheidung des Oberbürgermeisters ein „Tod auf Raten“ für die Fahrradstraße. Es ist für mich unverständlich, warum der auch mit der Politik beschlossene Weg mit dem Probelauf inklusive Berliner Kissen vorzeitig beendet wird. Jede Neueinführung einer Verkehrsveränderung bedarf eines Gewöhnungseffektes. Wenn unsachliche, angeheizte „Volkswut“ in den sozialen Medien die Entscheidungen bestimmen, dann ist das nicht gut.

        Unverständlich ist daher, dass der Oberbürgermeister sich den Drohungen mit Selbstjustiz durch die  „Eigentümergemeinschaft“ beugt.

        Ärgerlich ist diese Entscheidung vor dem Hintergrund der unsäglichen DEWEZET-Kampagne. Hamelns Chefredakteur der DEWEZET dürfte diesen Erfolg als Bestätigung sehen, diesen „Erfolgsjorunalismus“ auch bei anderen Themen fortzuführen.  

        Als letzter durchaus bedeutsamer Punkt ist Kritik an der Art des Vorgehens angebracht. Die Entscheidung ohne Beteiligung der Politik zu treffen, von einer unterlassenen Einbeziehung der Interessenvertretung der Radfahrenden ganz zu schweigen, ist kein guter demokratischer Stil.

        Ich schätze Claudio Griese als Oberbürgermeister sehr. Hier hat er sehr unglücklich agiert.

        Verlierer sind mal wieder die Schwächeren in unserer Gesellschaft. Die Radfahrer und die Fußgänger, die den Verbindungsweg zwischen Hasenbeck und Afferde nach Abbau der Berliner Kissen wieder mit einem deutlich höheren Sicherheitsrisiko nutzen. Oder eben dann auch nicht.

        Mit enttäuschten Grüßen

        Ralf Hermes, 18.12.2025


        Alle Vorgänge zu diesem Thema sind in dieser Informationsübersicht beim Boten im Detail nachzulesen:



        herral, 16.12.2025

        7 Gedanken zu „Kommentar: Kompromiss oder Kapitulation? Zur Entscheidung des Oberbürgermeisters in Sachen „Fahrradstraße Hastenbeck“ vom 16.12.2025“

        1. Ich kann der Analyse und dem Kommentar nur zustimmen, zumal sich mit dem neuen StVG die Hürden zur Einrichtung von Fahrradstr. für Kommunen deutlich vereinfacht haben. Aus Umweltschutzgründen geht das jetzt fast alles – wenn man will! Warum also dieser Rückzieher? Da steht wohl die Kommunalwahl vor der Tür….

        2. Auch auf mich wirkt es so, als wollte OB Griese den Konflikt vor dem „Runden Tisch“ abräumen, um weiteren öffentlichen Diskussionen, auch mit seinem Herausforderer Steffen Knippertz, aus dem Weg zu gehen.
          Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fahrradstraße ohne Berliner Kissen genauso sicher ist wie mit. Vor den Berliner Kissen wird erfahrungsgemäß im eigenen Interesse abgebremst. Das entfällt nun.
          Ich hoffe, der Hamelner Bote macht im Frühjahr noch einmal Testfahrten mit Fahrrad und Auto.

        3. Ich kann dem nur zustimmen. Der Verkehr auf der Fahrradstrasse hat gerade in den Nachmittagsstunden deutlich zugenommen und auch das Tempo hat sich deutlich erhöht. Autofahrer lernen schnell. Ich wohne in Hastenbeck an der Afferder Straße, Richtung Afferde. Nicht nur die Cumberlandstrasse hat davon profitiert, dass sich der Verkehr reduziert hat, sondern auch die Afferder Straße in Hastenbeck. Dieses wird wohl bald Geschichte sein. Ich bezweifle außerdem, dass es politisch der korrekte Weg war. Schade!

          1. Ich kann Sie nur herzlich einladen in den Umweltausschuss, wo wir die Evaluation besprechen werden. Es ist gut, wenn Leute sich zu Wort melden. Das hätten auch die Kritiker frühzeitig machen sollen.

            Ich finde es gut, dass ein Rechtsteit vermieden worden ist. Der wäre ohnehin nicht innerhalb eines Jahres entschieden worden und am Ende hätten alle verloren.

            Die Berliner Kissen sind im Beschlusstext nicht genannt. Die Lösung ist also im Rahmen des Beschlusses. Wegen der Geschwindigkeit kann ich nur raten auf die Kreisverwaltung zuzugehen, die inzwischen mehrere mobile Blitzer haben.

            1. Vielen Dank für die Einladung. Wann tagt der Umweltausschuss ? Blitzer sind wenig nachhaltig und verändern die Fahrgewohnheiten nur für den Moment.

              1. Der Umweltausschuss nächstes Jahr im November ist am 18. November. Wir tagen zumeist bei den Stadtwerken und starten um 16.30 Uhr. Als Bürger haben Sie am Anfang jedes Ausschuss die Möglichkeit Fragen zu stellen. Wenn die Sachen auf der Tagesordnung sind, findet die Beantwortung meist mit dem Punkt statt, wenn es nicht auf der Tagesordnung ist, gibt es eine direkte Antwort oder eine Antwort im Nachgang (wenn Recherche nötig ist).

                Dazwischen sind noch Wahlen, so dass die Teilnehmer seitens der Politik für nächsten November noch nicht feststehen.

                Hier gibt’s es alle Termine für 2026:
                https://ris.hameln.de/ris/hameln/file/getfile/92849

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