„Wo bleibt die Sicherheit auf der Straße“ – Ereignisse in Hameln Mitte Juli 1932

Quellendokumente: Um sich die Straßengewalt am Ende der Weimarer Republik auch in Hameln vorzustellen folgen hier einige Beispiele. Sie wurden an Hand verschiedener Quellen für den Monat Juli 1932 zusammengestellt:

Ausgangslage / Zur geschichtlichen Einordnung: In die Buch „Die Polizei griff ein… Die vergessene Geschichte der Hamelner Arbeiterbewegung“ von Hubert Brieden, Internationalismus Verlag Hannover, 1994 wird ab Seite 129 folgendes beschrieben:

Am 13.04.(1932) werden SA und SS formell aufgelöst, am 14.04. verfügt Hindenburg die Auflösung der Schutzformationen des Reichsbanners. Am selben Tag wird das SA-Heim in Hameln geschlossen: die SA-Küche jedoch, das wichtigste Werbemittel, darf nach zwei Tagen bereits wieder eröffnet werden. Am 30.05. entläßt Hindenburg die Regierung Brüning und ernennt am nächsten Tag Papen zum neuen Reichskanzler. Am 2. Juni verhindern SPD, KPD, Zentrum und Staatspartei im preußischen Landtag, daß ein Nazi Ministerpräsident wird. Die Regierungserklärung Papens wird vom ADGB (Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund) als offene Kriegserklärung gegen die Gewerkschaften verstanden. Die SPD gibt die Tolerierungspolitik auf. Das SA-Verbot wird am 14.06. von der Papenregierung aufgehoben. Der jetzt losbrechende Terror ist bisher ohne Beispiel. In vielen Städten versucht die SA den Arbeitern zu demonstrieren, wer Herr der Straße ist. …

Auch in Hameln versucht die SA jetzt mit massiver Gewalt, noch besser ausgerüstet und uniformiert, Straßen und Versammlungssäle zu erobern. In der Nacht vom 8. zum 9. Juli kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nazis. Ein Arbeiterkorrespondent aus Hameln schrieb in der NAZ (Anmerkung/Quelle: Neue Arbeiterzeitung vom 12.07.1932) über die Vorfälle: “ In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend wurde der Unterbezirksleiter der KPD, Genosse Reinhardt von Banditen der System-Armee, die einem planmäßig organisierten Überfall auf ihn durchführten, in der Deisterstraße halbtot geschlagen. Er liegt im besinnungslosem Zustand im Krankenhaus. Zwei Strolche wurden von den Arbeitern erkannt; es sind die bereits schon vorbestraften Subjekte Budde und Sievers aus Hameln. Der Genosse Reinhardt kam von einer Versammlung von außerhalb. Die Nazis hatten, um seiner habhaft zu werden, einen regelrechten Streifendienst vom Rathaus zur Deisterstraße eingesetzt. Außerdem patrouillierte ein Naziauto auf der Deisterstraße. Eine Anzahl Strolche, mindestens drei, hatten sich im Gebüsch auf die Lauer gelegt. Sie stürzten hervor und schlugen den Genossen Reinhardt zu Boden. Durch Fußtritte richteten sie ihn in viehischer Weise zu und ließen ihn dann in der Gosse besinnungslos liegen. Als ein parteiloser Arbeiter zufällig vorbeikam, stürzen sie sich auf diesen und brüllten: „Hier ist noch so ein roter Hund!“ Dieser Klassengenosse konnte aber trotz einer leichten Verletzung entfliehen. Er mobilisierte sofort die Arbeiter; inzwischen hatte aber eine Polizeistreife den Genossen gefunden. Ein Arzt ordnete die sofortige Überführung ins Krankenhaus an. Wenn der Genosse mit den Leben davonkommen sollte, wird er aber mindestens ein Auge verlieren. Bis zum Eingang dieser Meldung hatte er das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt.


Die DEWEZET berichtet in der Ausgabe vom 07.09.1932:

„Politische Schlägerei. In der vergangenen Nacht gegen 2 1/2 Uhr fand an der Ecke Deisterstraße-Sandstraße eine Schlägerei zwischen Angehörigen der NSDAP und KPD statt. Ein Kommunist wurde erheblich verletzt und mußte sich in ärztliche Behandlung begeben. Eine weitere Person, die angeblich keiner politischen Partei angehört, trug ebenfalls Verletzungen davon.“

Die Hamelner Tageszeitung „Niedersächsische Volksstimme“ berichtet in der Ausgabe vom 11. Juli 1932 wir folgt:

Wo bleibt die Sicherheit auf der Straße? Kampf dem Banditentum.

Wie bereits berichtet , wurde in der Nacht zum 9. ds. M?? der der kommunistischen Partei angehörende Maschinist R. von Nationalsozialisten körperlich mißhandelt. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurde am 9.7.32 von der kommunistischen Partei ein maschinenschriftlich hergestelltes Flugblatt verbreitet, in dem der der NSDAP angehördende Klempner Budde als Mittäter bezeichnet ist. Die Nazis veranstalteten am Sonnabendabend einen sog. Bunten Abend. Budde hatte die Veranstaltung vorübergehend verlassen. Bei seiner Rückkehr wurde er in der Osterstraße von dort stehenden Kommunisten angepöbelt. Nachdem sich zu B. noch zwei SA-Männer gesellt hatten und sich weiter noch dem Hotel Monopol begeben wollte, wurde er unmittelbar an der Ecke Osterstraße-Ostertorwall von mehreren Personen tätlich angegriffen und zu Boden geschlagen. Durch einen der Täter erhielt B. einen Messerstich in den Oberschenkel und Fußtritte in die Rippengegend. Es wurde hierauf von einem der Begleiter die SA. alarmiert, die auch bald darauf in einer Stärke von 40-50 Mann auf der Straße erschien. Die Kommunisten hatten sich durch die Bungelosenstraße – Neue Marktstraße nach dem Parteilokal bzw. nach ihren Wohnungen zurückgezogen. Von den SA.-Männern wurden sie verfolgt und es kam in der Platzstraße zu Schlägereien, bei denen mehrere Personen verletzt wurden. Geschlagen wurde mit Schulterriemen und Bierseidel. Einem SA.-Mann wurde durch die Polizei ein Schulterriemen abgenommen, weil er diesen zum Schlagen benutzt hatte. Ein hier zu Besuch weilender Beamter, der sich durch den Tumult auf die Straße begeben hatte, wurde von mehreren SA.-Leuten hart bedrängt und gab aus einer Pistole einen Schuß gegen die Angreifer ab. Ob durch diesen Schuß jemand verletzt ist, steht noch nicht einwandfrei fest. Der Schütze zog sich dann in sein elterliches Haus zurück und gab, da versucht wurde, in das Haus einzudringen, einen zweiten Schuß (Schreckschuß) durch ein bereits zertrümmertes Fenster ab. Die Polizei stellte die Ruhe und Ordnung sofort wieder her. Ein auf das Parteilokal der KPD. beabsichtigter Sturm konnte unterbunden werden.

Von einem Augenzeugen wurde uns hierzu u.a. noch folgendes geschrieben: Ich sah, wie die Nazis (etwa 50 Mann) mit dem rufe „Straße frei!“ in die Platzstraße eindrangen. Sie schlugen auf alles ein, was ihnen in den Weg kam. Dabei wurde auch der völlig unbeteiligte N. verprügelt. Ja selbst vor Frauen machten die Vandalen nicht halt. Das 24 Jahre alte Fräulein Pinkernell (Schwester des Nazi Pinkernell) stand vor ihrer Wohnung, Platzstraße 6. Sie wurde mit einem Bierseidel übel zugerichtet, Zähne wurden herausgeschlagen, die Backe gespalten. Beim Eintreffen der Polizei schrien die Nazis weiter „Straße frei!“. die Polizei drückte die Rufer sanft ab. Richtiger wäre gewesen, diesen Helden mit dem Gummiknüppel beizubringen, wer die Ordnung auf der Straße zu gewährleisten hat.

Wir müssen bei dieser Gelegenheit an die Polizei das dringende Ersuchen richten, für die Sicherheit der Straße zu sorgen. Strolche und Banditen sind mit aller Schärfe anzufassen. Man sieht, daß Überfälle notgedrungen Rachepläne entstehen lassen. Darum muß jeder Versuch der Gewalttätigkeit mit allen Mitteln unterdrückt werden. „Straße frei!“ hat nur unsere Polizei zu befehlen. Wer sich sonst die Macht auf der Straße anmahnt, muß rücksichtslos in seine Schranken gewiesen werden.

(Quelle: Stadtarchiv Hameln. Nds. Volksstimme, Verantwortlich für den Gesamtinhalt obiger Ausgabe: Heinrich Löffler, Hameln)



Die DEWEZET schildert den Sachverhalt in ihrer Ausgabe vom 11.07.2021 in anderer Wortwahl identisch und ohne Bewertung. Basis der Grundberichte dürfte eine polizeiliche Meldung sein.

In dem Buch von Hubert Brieden (Die Polizei griff ein…) ist auf Seite 130 eine Schilderung der Ereignisse aus Sicht des betroffenen Polizeibeamten abgedruckt (Abschrift):

Ein Polizeibeamter aus Hannover, der einen Ruhetag bei seinen Eltern in Hameln verbringen wollte, wurde Zeuge und Betroffener der Schlägereien.

Ich begab mich vor die Haustür, um die Ursache des Lärmens festzustellen und sah, dass etwa 6 uniformierte SA-Männer unter dem Rufe „Straße frei“ auf die Straßenpassanten mit Schulterriemen und Bierseideln einschlugen. Besonders schwer wurden die Bewohner des Hauses Platzstraße 6 (meinem Elternhause gegenüberliegend), die sich vor der Haustür aufhielten, misshandelt. Ich war kaum auf die Straße getreten, als sich auch schon einer der SA-Leute mit einem Schulterriemen auf mich stürzte und mir mit dem Schulterriemen einen Schlag auf die linke Schulter versetzte. Bei dem Versuche, mich ins Haus zurückzuziehen, wurde ich durch Beinstellen zu Fall gebracht. Gleichzeitig erhielt ich einen Schlag gegen das rechte Schienbein mit einem harten Gegenstand. Da ich bereits mit dem Oberkörper im Hausflur lag, versuchten meine Angehörigen, mich in das Haus zu ziehen. diese misslang jedoch, da einer der Angreifer sich auf meinen Fuss gestellt hatte. Bei dem Versuche, mich zu befreien, sah ich, dass ein uniformierter SA-Mann mit einem Schulterriemen zum Schlage gegen mich ausholte. In der Notwehr zog ich meine Pistole aus der Gesässtasche und gab einen Schuss auf den Angreifer ab. Ob ich jemand verletzt habe, kann ich nicht sagen. Nach dem Schuss liessen die Angreifer zunächst von mir ab, so dass ich in das Haus gelangen und die Haustür von innen verriegeln konnte. Nun begannen die Angreifer mit Schulterriemen, Biergläsern und anderen Gegenständen, vermutlich Totschlägern, auf die Haustür und die Fenster einzuschlagen. Hierbei wurde die Haustür stark beschädigt, ferner 4 Fensterscheiben zertrümmert. Ausserdem fand ich im Wohnzimmer ein Bierglas, das durch das Fenster geschleudert war. Um die Angreifer zu verjagen, gab ich einen Schreckschuss aus meiner Pistole durch eines der eingeschlagenen Fenster in die Luft ab. Daraufhin zogen sich die Täter zurück.

Der Bericht wurde im Rahmen einer Untersuchung zum Schusswaffengebrauch des Polizeibeamten Konrad angefertigt.

Quelle: Hauptstaatsarchiv Hannover, Han180 Han II Nr. 741/2, Bl 893


Weiter heißt es bei Brieden auf Seite 131:

„Interessant ist die weitere Verfolgung des Vorgangs durch die Behörde. Der Regierungspräsident Hannover verurteilte das Verhalten des Polizisten: „Konrad hat die Schußwaffe zweifellos voreilig verwendet. ich kann dieses Verhalten nicht billigen und ersuche ergebenst, ihm diese Mißbilligung entsprechend zur Kenntnis zu geben.“

Quelle: Hauptstaatsarchiv Hannover, Han 180 Han II Nr. 741/2. Bl. 894, Schreiben des Regierungspräsidenten Hannover an den Polizeipräsidenten Hannover vom 10.08.1932

Hubert Brieden: „Bedenkt man die lebensbedrohliche Situation, in der Konrad sich befand, ist diese Mißbilligung schon bemerkenswert. Ihm wurde auch vorgehalten, überhaupt auf die Straße gegangen zu seine und sich eingemischt zu haben. Eine solche Mißbilligung , von der ja auch andere Polizeibeamten erfuhren, mußte den Effekt haben, daß diese sich bei zukünftigen Auseinandersetzungen zurückhielten und nicht mehr so ohne weiteres auf eigene Initiative gegen die Nationalsozialisten einschritten. Es scheint ziemlich unwahrscheinlich, daß ein Schußwaffengebrauch gegen Kommunisten ähnlich mißbilligt worden wäre. Das Mißbilligungsschreiben des Regierungspräsidenten wurde Mitte August verfaßt, 20 Tage nach der Absetzung der preußischen Regierung durch Papen., und dürfte Ausdruck der Rechtsentwicklung innerhalb Regierungsbehörde und Polizei sein. Eine Entwicklung, die nicht widerspruchslos verlief und der man mit mehr oder minder starkem Druck nachhelfen mußte. Nicht nur bei der Polizei hatten die Schlägereien ein Nachspiel, auch Hameln erlebte weitere Demonstrationen gegen den Naziterror.


Nach privaten Informationen verblieb der Polizeibeamte im Polizeidienst. Er wurde diszipliniert und vertrat später die nationalsozialistische Weltanschauung. Es erfolgte eine Versetzung nach Berlin und Einsätze in den Ostgebieten. Nach Ende des Krieges kehrte die Familie nach Hameln zurück. Die Ehe scheiterte. Es erfolgte keine Wiederaufnahme/Fortführung des P0lizeidienstes.



Die Gewalttätigkeiten auch in Hameln gingen weiter.


DEWEZET Bericht vom 13.07.1932:

Berichte vom 14.07.1932:




Zur Einordnung der Lokalzeitung DEWEZET in der Zeit: Es gab damals zwei konkurrierende Lokalzeitungen in Hameln. Die SPD-Tageszeitung Niedersächsische Volksstimme und die traditionell Bürgerliche / Konservative Deister- und Weserzeitung. Beim Sichten der Zeitungsmeldungen ist auffällig, das die DEWEZET über Veranstaltungen der SPD selten berichtet. Die Veranstaltungen der NSDAP allerdings häufig mit Verlaufsberichten in der Zeitung zu finden sind. Als Beispiel aus dem Juli 1932 sei hier eine Anzeige der NSDAP für die Veranstaltung am Montag, den 11.07.1932 im Hotel Monopol genannt.

Als Redner war hier Ludwig Münchmeyer eingeladen, der sich durch besonders aggressive antisemitische Hetzreden hervortat. Münchmeyer musste 1926 im Verlaufe eines Prozesses sein Amt als Pastor aufgeben und trat ab 1928 als einer der aktivsten NS-Redner im nordwestdeutschen Raum aufzutreten. (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_M%C3%BCnchmeyer)


Die DEWEZET berichtet am 12.07.1932 über die Veranstaltung der NSDAP im Monopol:

Die Parteinahme in der Art der Berichterstattung zeigt, dass der Redakteur seine Sympathien für die Art der Veranstaltung nicht verbergen kann. Unterzeichnet ist der Beitrag mit -nn Während der Verantwortliche für Politik Dr. Kurt Dammann seine Beiträge oftmals mit Dr. D. zeichnete kann hier nur spekuliert werden, ob -nn sich auf das Ende des Namens des Politikverantwortlichen bezieht oder zu einem anderen Berichterstatter gehört.


Interessant auch noch der Wickipediaeintrag bei Ludwig Münchmeier: „Mehrfach musste sich Münchmeyer auch parteiinternen Kritikern stellen. So leitete das Oberste Parteigericht der NSDAP auf Antrag des NSDAP-Kreisleiters von Hameln, Erich Teich am 7. Februar 1934 eine Untersuchung gegen Münchmeyer ein. Teich beschwerte sich darüber, dass Münchmeyer die Ortsgruppe der NSDAP bei einer öffentlichen Kundgebung kritisiert habe.[16] In der dazugehörigen Akte finden sich auch mehrere Zeitungsartikel, in denen die 1926 gegen Münchmeyer ergangene Urteilsbegründung zitiert wird. Das Gericht stellte das Verfahren bald darauf ein.“

Zu Erich Teich siehe auch: http://www.gelderblom-hameln.de/nszeithameln/nsdaphameln.php?name=nszeit

Im Kontrast zur DEWEZET steht die Niedersächsische Volksstimme. Die Ausgaben der Zeitung sind zum Teil im Stadtarchiv Hameln einzusehen.

Hier einige Beispielbeiträge der Ausgabe vom 16.07.1932


Zusammenstellung am 12.12.2021, herral

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