Zwei Anlässe zu Zorn und (Fremd)Scham. Ein Kommentar

Die Rattenfängersage sollte für die Bewohner Hamelns eigentlich eine peinliche Angelegenheit sein. Nun ist der Betrug der Stadtväter am Pfeifer lange her. Damals waren die Folgen für die BewohnerInnen Hamelns, die den Betrug stützten, enorm. Verlassen wir aber die alte Sage, sie soll nur als Aufhänger dienen für zwei Vorgänge, für die sich die Bürger der Stadt und des Landkreises gleichsam schämen sollten.

Bernhard Gelderblom, der mit der Aufarbeitung der lokalen Gräuel der Nazizeit Unwillen bis hin zum Hass und direkt persönliche Anfeindung erfahren musste, sagte einmal, was ihn im Konflikt um den Bückeberg am meisten erschüttert hatte. Es waren nicht die subtilen Bedrohungen, die Falschinformationen, die Unterstellung der persönlichen Profilierung und andere böse Worte und öffentliche und anonyme Briefe. Es war die fehlende Unterstützung der gesellschaftlichen Mitte. Die Gleichgültigkeit der Menschen, die es besser wussten oder besser wissen können und dennoch schwiegen. Die fehlende Rückendeckung und Einsamkeit, die ihn fast zur Aufgabe gebracht hätte.

Nun, wie falsch die Thesen der Lernortgegner waren, kann man aktuell am Bückeberg sehen. Bernhard Gelderblom und allen, die damals zu ihm hielten, sei hier Dank gesagt. Hoffentlich erfolgt dieses noch in einem würdigeren Rahmen.


Bei einer aktuellen Führung über den Bückeberg war es eine Bemerkung, die mich an einen anderen Skandal unserer Gegenwart erinnerte. „Ohne Tjark Bartels hätte es diesen Lernort am Bückeberg nicht gegeben.“ Bernd Gelderblom erläuterte, wie er bis dahin mit all seinen Versuchen, die Propagandamissetaten der Nationalsozialisten anschaulich warnend darzustellen, gescheitert war. Als sich der damals neu gewählte Landrat Bartels der Sache annahm ging es voran. Bartels war nicht geprägt von der Angst vor den erwartbaren Wiederständen und setzte in der ihm eigenen Art die Sache durch. Gebracht hat ihm das so manchen Gegner.

Bartels zerbrach später an einer unsachlich überzogenen Stimmungskampagne zu den Vorfällen in Lügde. Hier hat Hameln-Pyrmonts Heimatzeitung journalistische Schuld auf sich geladen. (#dewezetkorrektiv).

Man mag spekulieren, ob es im Kern aber nicht auch die fehlende Rückendeckung aus der Mitte der Gesellschaft war, die die vorher so stark scheinende Persönlichkeit zum Aufgeben brachte.

Das Schweigen dazu dauert bis zum heutigen Tage an. Der Ex-Landrat, der z.B. bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise im Landkreis Zeichen setzte, ging ohne Würdigung und Dankeschön. So hat sich die Mehrheit weggeduckt ob des Risikos, Zielscheibe des Zorns der „dunklen Seite der Macht“ im Weserbergland zu werden.

Mögen vielleicht auch die Coronabeschränkungen einen anständigen Abschied von Tjark Bartels behindert haben. Trotz des Zeitverzuges sollte sich in diesem Jahr die Chance bieten, diese Schmach zu heilen.

Ralf Hermes / 06.03.2022

2 Gedanken zu „Zwei Anlässe zu Zorn und (Fremd)Scham. Ein Kommentar“

  1. Ein sehr guter Artikel der genau zutrifft. Ohne die Initiative von Gelderblohm und Bartels wäre der Lernort nie entstanden. Es mag formale Fehler gegeben haben auf die sich einige immer berufen aber manche Projekte brauchen auch mal unkonventionelle Wege um voran zu kommen. Dafür steht Tjark Bartels und musste dafür viel Kritik einstecken. Ich glaube gerade in der heutigen Zeit wird dieser Lernort wichtiger denn je. Gerade versucht wieder jemand mit Propaganda einen Krieg zu erklären und ihn klein zu reden.
    Der Umgang mit Tjark Bartels durch die heimische Presse war und ist gruselig. Presse ist die heimliche Macht im Land und sollte nie unterschätzt werden. Es ist aber nicht nur die BILD die da an vorderster Front steht. Im Moment werden 100.000 tausende Menschen mobilisiert um gegen den Krieg auf die Straße zu gehen, das ist in deutliches Zeichen aber leider zu Corona Zeiten nicht wirklich sicher. Einerseits regen wir uns über Querdenker Demos auf die nicht Corona konform laufen aber hier wird vielleicht noch auf die Maske geachtet aber nicht mehr auf Abstand. Nicht das ich Querdenker Demos mag aber es sollte schon gleiches Recht für alle gelten.
    Ebenso ist es mit der pauschalen Verwendung des Begriffes Russland. Es suggeriert den Lesern das russische Bürger/innen mit diesem Krieg einverstanden sind. Das sind bestimmt einige aber viele nicht. Inzwischen gibt es sogar schon Gewaltausbrüche gegenüber russisch stämmigen Menschen hier im Land. Das darf und kann nicht sein. Auch die Hetzkampagne gegen Gerhard Schröders wird medial sehr voran getrieben. Klar, ich finde es auch absolut unverständlich das er seine Posten bei den russischen Gasbetrieben nicht aufgibt. Aber ihm deswegen die Ehrenbürgschaft von Hannover zu entziehen etc. Oder ein Parteiausschlussverfahren einzuleiten halte ich nicht für richtig. Wir brauchen im Moment jeden Menschen der noch Kontakt zu Putin hat und eventuell Einfluss auf ihn nehmen kann. Weniger lautes Getöse mehr machen sollte die Devise für alle sein. Dieser Krieg kann nur durch Verhandlung gestoppt werden.

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