Oberbürgermeister stoppt Straßenbenennung – Was spricht gegen Ada Lessing?

Hameln, 18.12.2021: Eigentlich wäre es nur noch eine Formsache gewesen. Die Mehrheit der Ratspolitik aus SPD/Grüne hatte sich nach anfänglichen Irritationen über die Benennung der Straße des neuen Bildungscampus an der Süntelstraße (Gordon-Barracks/Linsingenkaserne) für den Namensvorschlag „Ada-Lessing-Park“ entschieden. Damit war der ursprüngliche Vorschlag „Linsingen-Park“ aufgehoben.

In der Ratssitzung am 15.12.2021 kam es anders. Überraschend meldete sich Oberbürgermeister Claudio Griese vor der Abstimmung zu Wort und beantragte ein Verschieben der Straßenbenennung.

Zu Beginn seines Statements verwies der Oberbürgermeister auf die grundsätzliche Schwierigkeit, große Flächen ansprechend zu vermarkten. Investoren seien schwierig zu finden. Er führte dann aus, dass es bei der angestrebten Straßenbenennung Bedenken gebe und er daher den Rat bitte, die Straßenbenennung zu verschieben. Man sei mit der Hochschule Weserbergland im Gespräch und möchte gemeinsam mit den Schülern noch einmal in einen neuen Namensfindungsprozess einsteigen. Anschließend möchte man dem Rat eine neue Vorschlagsliste zur Namensauswahl unterbreiten. Herr Griese betonte, dass er damit nicht gegen die Person Ada Lessing interveniere.

Der Rat folgte der Bitte des Oberbürgermeisters und der Tagesordnungspunkt wurde einstimmig verschoben.


Meine Meinung: Der Vorgang ist für unsere Stadt unglücklich, wenn nicht gar beschämend .

Erinnern wir uns: „Vermarktungsvorbehalte“ gegen den von den Nationalsozialisten verehrten General des 1. Weltkrieges, Alexander von Linsingen sind bei der ursprünglichen Namenswahl nicht benannt worden.

Wo aber liegen konkret die „Bedenken“ des Oberbürgermeisters gegen den Namen „Ada-Lessing-Park“. Welcher Investor ließe sich von Ada Lessing abschrecken? Eine Frau, die auch auf der von der Stadtverwaltung entworfenen Vorschlagliste für Straßennahmen befindet. Hier ließ Herr Griese seine Gründe offen. Unklar blieb auch, wer hinter der Initiative steht, für die Der Oberbürgermeister sich zum Sprecher erklärte. Welche Rolle spielen die Verantwortlichen der Hochschule Weserbergland, mit denen im Vorfeld dieses Verfahren abgesprochen wurde?

Waren die Ratsmitglieder über die Vorbehalte gegen den Namen Ada Lessing im Vorfeld der Ratssitzung informiert worden?  Der neue Namensvorschlag war immerhin zwei Wochen vor der Ratssitzung im Umweltausschuss beschlossen worden.

Mein Eindruck in der Ratssitzung war, dass die Ratsmehrheit hier vom Oberbürgermeister überrascht wurde und eine Augenblicksentscheidung getroffen hat.

Auf Fragen von Radio Aktiv am Sitzungsabend äußerte sich die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anett Dreisvogt, dass es „guter Brauch“ sei, wenn noch Beratungsbedarf ist, eine Vorlage „zu schieben“.  Die Grünen ständen zwar zu dem Vorschlag Ada Lessing. Die Idee, dass die HSW mit den weiterführenden Schulen ins Gespräch geht und nachdenkt, wer sich auch noch gut eignen könnte, sei auch „charmant“. Die Fraktionsvorsitzende der CDU, Birgit Albrecht, sieht im gleichen Interview jetzt wieder Chancen für den Namen Linsingen. Zitat: „Linsingen Gelände, haben wir gesagt, ist im Grunde ein gängiger Begriff, jeder weiß, was damit gemeint ist und wir versuchen auch unter diesem Namen das Gelände zu vermarkten, das umzubenennen würde es schwieriger machen.“ Ada Lessing könnte schon berücksichtig werden, nicht aber auf der großen bevorzugten Fläche.

Interviewlink: listen.radio-aktiv.de/beitraghoeren.php?id=37634


Warum ist dieser Vorgang für unsere Stadt beschämend bzw. für Image und Vermarktung des Geländes sogar kontraproduktiv?

  1. Der Name „Linsingen“ steht für einen uradeligen, monarchistischen Militaristen aus dem ersten Weltkrieg. M.E ist dieses im Jahr 2021 für einen Bildungscampus inakzeptabel, gerade weil die Namensgebung einen unmittelbaren NS-Bezug hat. Siehe dazu Botenbericht vom 29.11.2021. Die CDU sieht das anders und steht damit vollkommen neben der Zeit. Viel schlimmer ist, dass sich der Oberbürgermeister bei seinem Vorstoß nicht klar von dem ursprünglichen Namensvorschlag „Linsingen-Park“ distanziert hat. Dieser fehlende Ausschluss des Generalsnamens aus der Diskussion lässt die Vermutung zu, dass auch die Stadtverwaltung hier keinen Sinneswandel vorgenommen hat.
  2. Was spricht gegen den Namen Ada Lessing? Auch wenn der Oberbürgermeister sagt, er habe nichts gegen diese Frau, so ist sein Vorstoß durchaus eine Herabsetzung der Person.
  3. Der jetzt beginnende Diskussionsprozess wirft ein ganz schlechtes Licht auf unsere Stadt. Den vielleicht unbedachten Fehler „Linsingen-Park“ hätte man am 15.12.2021 schlank und leise beerdigen können. Jetzt aber steht Hameln und das Vermarktungsgelände in dem Licht einer Stadt, der es nicht gelingt, sich an einem Bildungsstandort vom Militarismus und einer NS-Namensgebung zu distanzieren.

Zum Schluss: Die Straßennamendiskussion wurde schon 2019 geführt. Der DEWEZET Redakteur Marc Fisser berichtete in einem Beitrag vom 23.01.2019 über die Herausforderung der neuen Straßenbenennungen und verwies schon hier auf die für einen Bildungscampus problematische Geländebezeichnung „Linsingen-Kaserne“ und die Geschichtsbezüge zum Jahr 1937.  Zitat: „Adolf Hitler rüstete damals auf; die ihm ergebene Wehrmacht erwählte für die Benennung der neuen Hamelner Garnison den kurz zuvor verstorbenen Hildesheimer Weltkriegsgeneral Alexander von Linsingen. Dabei gaben dessen Schlacht-Erfolge in Russland den Ausschlag – nicht seine Verdienste am Ende des Kaiserreichs, als er im revolutionären Berlin zwar Truppen zusammenzog, aber am 9. November 1918 ein Schießverbot verhängte („Deutsche schießen nicht auf Deutsche“) – und zurücktrat.“ Quelle: dewezet.de Herr Fisser bezeichnete es in dem Beitrag als „unwahrscheinlich, dass ausgerechnet ein Soldat für ein Zentrum aus modernen Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen stehen soll.“ Hamelns heutiger Stadtsprecher Thomas Wahmes wird in dem Bericht wie folgt zitiert: „Einen konkreten Zeitplan gibt es nicht“, sagt Wahmes jetzt. Der Stadtrat werde aber „rechtzeitig“ damit befasst, es bestehe keine Gefahr, dass neue Straßen namenlos blieben oder neu bebaute Areale erst in ferner Zukunft umgetauft würden. Der Verwaltungssprecher betont: „Man sollte sich Mühe geben, denn die Benennungen werden lange bestehen. Sorgfalt geht vor Schnelligkeit.



Ergänzende Hintergrundinformationen:

Zu Ada Lessing.

Wikipedia-Eintrag unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Ada_Lessing


Ergänzender Text / Gute Kurzinfo: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ada-lessing/


In dem Buch „Couragierte Frauen aus Hameln & Umgebung von Helga Altkrüger-Roller gibt es einen ausführlichen Beitrag über das Leben von Ada Lessing. Erschienen 2012 im GG-Verlag Hameln.


In der Landeshauptstadt Hannover geht man den gegenteiligen Weg. Hier hat man im August 2021 die „General-Wever-Straße“ (Walter Wever war Hauptmann im ersten Weltkrieg und wurde General im zweiten, die Namensbenennung erfolgte 1938 durch die Nationalsozialisten) umbenannt. Der neue Name lautet “Ada-Lessing-Straße“. Auf dem Zusatzschild steht: „Ada Lessing (16.02.1883–10.11.1953), Kommunalpolitikerin der SPD, Mitbegründerin der Volkshochschule Hannover, während des NS-Regimes verfolgt“

Quelle: hannover.de


In Hannover Langenhagen hat man im September 2021 einen Platz nach Ada Lessing benannt. Vormals war dieser Straßenabschnitt nach dem Herrn Hindenburg benannt.

Quelle: extra-verlag.de


Die Namensbezeichnung „Linsingen-Kaserne“ erfolgte 1937/1938 durch die Nationalsozialisten. Am 20. Juli 1945 übernahmen die Briten das Gelände und benannten die Kaserne in „Gordon Barracks“ um.  Die Briten zogen 2014 aus Hameln ab. Die Kaserne trug somit 69 Jahre den britischen Namen und sieben Jahre den Namen Linsingen  

Quelle: britenabzug.Bundesimmobilien.de


Zusammenstellung: Ralf Hermes, 18.12.2021


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